Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

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Inschriften aus Unibrien.

(Fortsetzung von XV 29 ff.)

Zu den im Jahrgang XV dieser Zeitschrift S. 29 ff. von mir be-
sprochenen Inschriften aus Umbrien, die ich in dem nächstens zur
Ausgabe kommenden zweiten Theil von Band XI des CIL zum Abdruck
gebracht habe, trage ich einige nach, zunächst eine, deren Lesung ich
damals noch nicht vollständig geben konnte.

1.

Es ist die Inschrift des sogenannten Minervatempels von Assisi,
der, in eine christliche Kirche S. Maria della Minerva verwandelt, die
piazza abschliesst, wie er im Alterthum das Forum abgeschlossen hat.
Das schöne Bauwerk hat einen besonderen Beiz, weil es eines der ersten
antiken Bauwerke war, die Goethe sah, und auf ihn eine grosse
Wirkung ausgeübt hat. Ich schreibe aus der italienischen Reise in der
Anmerkung1) seine Schilderung aus, die mich einer Beschreibung
enthebt.

') Aus Palladio und Volkmann wusste ich, dass (in Assisi) ein köstlicher Tempel
der Minerva, zu Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe . .. Endlich
gelangten wir in die eigentliche alte Stadt: und siehe, das löhlichste Werk stand
vor meinen Augen, das erste vollständige Denkmal der alten Zeit, das ich erblickte.
Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so kleine Stadt schickte, und doch so
vollkommen, so schön gedacht, dass er überall glänzen würde. Nun vorerst von seiner
Stellung! Seitdem ich in Vitruv und Palladio gelesen, wie man Städte bauen, Tempel
und öffentliche Gebäude stellen müsse, habe ich einen grossen Respekt vor solchen
Dingen. Auch hierin waren die Alten so gross im Natürlichen. Der Tempel steht auf
der schönen mittleren Höhe des Berges, wo eben zwei Hügel zusammentreffen, auf
dem Platz, der noch jetzt der Platz heisst. Dieser steigt selbst ein wenig an, und
es kommen auf demselben vier Strassen zusammen, die ein sehr gedrücktes Andreas-
kreuz machen, zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen
zur alten Zeit die Häuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenüber gebaut, die
Aussicht versperren; denkt man sie weg, so blickte man gegen Mittag in die reichste
Gegend, und zugleich würde Minervens Heiligthum von allen Seiten her gesehen. Die
Anlage der Strassen mag alt sein; denn sie folgen aus der Gestalt und dem Ab-
hänge des Berges. Der Tempel steht nicht in der Mitte des Platzes, aber so gerichtet
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