Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

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Goethe sagt nichts von der Inschrift, die der Fries trägt oder viel-
mehr einmal getragen hat. Sie bestand, wie es im AJterthnm bei Inschriften
von Bauten gewöhnlich war, aus Broncebuchstaben, aber während diese
meistens in besondere Aushöhlungen eingelassen wurden, hatte man hier
sich begnügt, sie mit Nägeln auf der glatten Fläche des Frieses zu
befestigen. Nachdem Buchstaben und Nägel herabgefallen waren, blieben
nur noch die Löcher, in denen einst letztere steckten. Aus ihnen die
Buchstaben zu ermitteln, ist öfter versucht worden und war bereits im
16. Jahrhundert für die erste Hälfte fast gelungen, da Giulio Cesare
Galcotti sich im Jahre 1565 ein Gerüst hatte erbauen lassen und so

aus der Nähe gelesen hatte CN • T ■ C ANII • CN ■ F • TIM.....

IVR-IIII-VIR. Aber seine Copie wurde nur entstellt bekannt; die
meisten Publicationen des Tempels galten CN • T • CN • C A N11 • F •
E X • V O T O • D I S • IM M O R T A LIB V S. andere hatten noch stärker
Abweichendes. Der Franzose Nie. de Peiresc, der sich mit der gleichen
Aufgabe für den Tempel in Nimes, die maison carree (CIL XII 3156)
beschäftigte, hatte gelesen I O V T • OPT • MAX. Line ziemlich genaue
Abbildung gab auch von den Löchern das Buch, mit welchem Goethes
AVunseh nach einer sorgfältigen Aufnahme des Baues erfüllt wurde,
Antolinis Hl tempio di Minerva in Asisf, aber ohne Lesung. Als ich
zum erstenmale vor dem Tempel stand, erkannte ich sogleich die Zahl
IUI in der Mitte und kurz danach zweimal den unter die Linie herab-
gehenden Buchstaben Q. So ergab sich bald die Lesung der zweiten
Hälfte; die der ersten wollte längere Zeit nicht gelingen, da Ungunst
des AVetters die durch zufällige Verletzungen und. wie wir jetzt sehen,
auch durch die Eigenthümlichkeit der Namen verursachten Schwierig-
keiten steigerte. Erst als ich eine von Dr. Ladek angefertigte neue

dass er den von ßom Heraufkommenden verkürzt gar schSn sichtbar wird. Xicht
allein das Gebäude sollte man zeichnen, sondern auch die glückliche Stellung.

An der Facade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch consequent auch
hier der Künstler gehandelt. Die Ordnung ist korinthisch, die Säulenweiten etwas über
zwei Model. Die Säulenfüsse und die Platten darunter scheinen auf Piedestalen zu
stehen, aber es scheint auch nur : denn der Sockel ist fünfmal durchschnitten, und
jedesmal gehen fünf Stufen zwischen den Säulen hinauf, da man dann auf die Fläche
gelangt, worauf eigentlich die Säulen stehen, und von welcher man auch in den
Tempel hineingeht. Das Wagstück, den Sockel zu durchschneiden, war hier am rechten
Platze; denn da der Tempel am Berge liegt, so hätte die Treppe, die zu ihm hinauf-
führte, viel zu weit vorgelegt werden müssen und würde den Platz verengt haben.
Wie viel Stufen noch unterhalb gelegen, lässt sich nicht bestimmen; sie sind ausser
wenigen verschüttet und zugepflastert. Ungern riss ich mich von dem Anblick los und
nahm mir vor, alle Architekten auf dieses Gebäude aufmerksam zu inachen, damit
uns ein genauer Riss davon zukomme. . . . Was sich durch die Beschauung dieses
Werkes in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen und wird ewige Früchte bringen.

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