Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

Seite: 154
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Hat es jemals in Edessa christliche Könige gegehen?

Eine im Alterthum und Mittelalter weit verbreitete, und zumindest bis
ins dritte Jahrhundert hinauf zu verfolgende Sage erzählt, dass König Abgar
Ukhama (V.) von Edessa einen Briefwechsel mit Jesus Christus unter-
halten habe, und dann durch Addai, einen der 70 Jünger des Herrn, zum
Christenthume bekehrt worden sei. Diese Erzählung wird heute wohl all-
gemein, und zwTar von Forschern aller Richtungen, in das Gebiet der
Legende verwiesen. Dagegen stimmen die angesehensten Gelehrten ebenso
darin überein, dass sie in den Anfang des dritten Jahrhunderts einen
christlichen König Abgar IX. setzen, dessen Regierungszeit nach der
von Gutschmid (Untersuchungen über die Geschichte des Königreiches
Osrhoene. In den „Memoires de l'academie de St. Petersbourg",
Band XXXV S. 42 ff.) berichtigten Königsliste des Dionysius von
Teilmahre in die Jahre 179—214 fällt. Diese Ansicht wurde meines
Wissens zuerst von Gutschmid (Die Königsnamen in den apokryphen
Apostelgeschichten, in dessen Kleinen Schriften II S. 348) und Hilgenfeld
(Bardesanes S. 25 n. 1 und S. 18) ausgesprochen, von ersterem stets
aufrecht erhalten, dann von Lipsius (Die edessenische Abgarsage S. 11)
angenommen und seither von vielen Schriftstellern wiederholt. Es muss
nun aber bemerkt werden, dass alle die Genannten das Christenthum
Abgars IX. stets als etwas Selbstverständliches hingenommen, und zwar
durch Citate belegt, die Frage aber niemals ex professo verhandelt haben.
Untersucht man aber die Quellen, so zeigt sich, dass die Meinung, es
habe in geschichtlicher Zeit in Edessa einen christlichen König gegeben,
höchstens als gewagte Hypothese, keineswegs aber als die Erkenntnis
einer geschichtlich beglaubigten Wahrheit gelten kann. Dies sollen die
folgenden Bemerkungen darlegen, die vor einigen Jahren aus Anlass
kirehengeschichtlicher Arbeiten entstanden sind, und die ich jetzt ver-
öffentliche, weil mich derzeit andere Studien beschäftigen und ein Zurück-
kommen auf jene Fragen für die nächste Zeit unwahrscheinlich machen.

Sicher ist zunächst, dass um die Wende des zweiten und dritten
Jahrhunderts in Edessa eine ansehnliche christliche Gemeinde bestand.
Dies bezeugen uns neben anderen Nachrichten Eusebius (bist. eccl.
IV 23, 3), der von einem im Jahre 197 in Edessa abgehaltenen Con-
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