Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

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standen, als Gutschmid, der (Untersuchungen S. 35) „ehrwürdig" über-
setzt. Dass nun aber Africanus einen alten Fürsten, dessen Gastfreundschaft
er genossen hatte, ehrwürdig nannte, kann doch wahrlich nicht beweisen,
es sei ein Christ gewesen.

3. Endlich sagt Epiphanius (haer. 56. 1) von Bardesanes: . . . .
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eigentlich bedeute, so kann ich wiederum auf Gutschmid verweisen, der,
obgleich er an dem Christenthume Abgars IX. nicht zweifelt, doch nur
übersetzt (a. a. 0.): „ein sehr gottesfürehtiger und wissenschaftlich gebil-
deter Hann". Bedenken wir nun, dass die Nachricht des Epiphanius, falls
sie nicht etwa aucli auf die Africanusstelle zurückgellt, wohl nur von
Bardesanes selbst herstammen kann, — denn ausser diesen beiden bat
kein bekannter Christ zu Abgars Zeit in Edessa geweilt — so werden
wir wohl auch in dem Umstand, dass ein Freund oder Gastfreund des
Fürsten diesen einen gottesfürchtigen Mann nannte, keinen Beweis für
dessen Christenthum erblicken können.

Steht es nun aber schon so mit den positiven. Beweisgründen für
das Christenthum Abgars IX., so scheint mir ein negatives Argument
nahezu entscheidend. Warum sollten sich nämlich alle unsere Quellen
verschworen haben, uns Bäthsel aufzugeben, statt einfach mit dürren
Worten zu sagen: Abgar IX. war Christ. Waren denn christliche Könige
um 200 etwas so gewöhnliches, dass man es nicht für der Mühe wert
hielt, von ihnen zu berichten? Sollte weder Africanus noch Eusebius
und überhaupt niemand bis auf Hilgenfeld (Bardesanes S. 21 ff.) bemerkt
haben, dass dies der erste christliche Staat gewesen wäre? Müsstcn wir
nicht im Gcgentbeile erwarten, dass diese einzig dastehende Thatsache
alsbald in der Christenheit weitreichenden Wiederhall gefunden hätte?
Angesichts dieser Erwägungen scheint mir das Fehlen jeder bestimmten
Angabe in unseren Quellen einem Gegenbeweise sehr nahe zu kommen.

Unmöglich freilich ist es nicht, dass Abgar IX. Christ war, ebenso-
wenig wie es unmöglich ist, dass schon Abgar V. es war. Allein wenn
w ir trotzdem dieser Angabe den Glauben versagen, so dürfen wir ihn
auch jener nicht zuerkennen. Denn die Legenden, welche im 19. Jahr-
hundert von gelehrten Forschern in die Welt gesetzt werden, dürfen die
unbefangene Kritik nicht mehr beirren, als jene, die im 3. und 4. Jahr-
hundert fromme Gläubige in Umlauf brachten.

W i e n.

HE INI? ICH

gomperz.
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