Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

Seite: 195
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seiner Escorte, zieht einwärts durch ein Thal (Hebrus—Tonzns?) und
trifft auf friedlich gesinnte Barbaren von dacisehem Typus, die ihn wie
einen Befreier aus drohender Bedrängnis herbeirufen (Odrysen?): das
Land ist insurgiert, wie das Kommende lehrt. Ein Opfer bereitet den
Übergang über ein hohes Gebirge vor (Haemus). Der Zug scheint sich
zu theilen und jenseits des hohen Gebirges finden zwei Schlachten statt.
Die eine von Gardefusstruppen ohne den Kaiser, also an einem von
ihm abliegenden Orte (Nikopolis?), die andere von Gardereitern mit
ihm, und diese letztere, wie gesagt einzigartig hervorgehobene, ist charak-
terisiert durch langgezogene Landwälle, um die der Kampf entbrennt,
ähnlich denen der Dobrudscha, die im Volksmunde den Kamen Trajans
tragen. Mit dieser dramatisch bewegten Kaiserschlacht hat die Er-
zählung nach virtuosen Steigerungen einen Höhepunkt erreicht, und dann
setzt sie wie mit einem neuen Capitel in rulliger Scene wieder ein. Es
folgt unmittelbar die Einweihung der Donaubrücke in Obermösien und
der fernere Kriegszug des Kaisers von dort in das Kernland der Dacier.

In der gegebenen Recapitulation, welche einige Beanstandungen
Petersens berücksichtigt, glaube ich das als sicher oder sehr wahr-
scheinlich Zugestandene streng von den hypothetischen Elementen ab-
gesondert zu haben, und deren können nicht wenige sein, wie heute
unser Avissen liegt. Kothwendig fehlen uns Kenntnisse, auf die der
coniponierende Künstler für das Verständnis seiner Bildwerke rechnete,
und noch vermissen wir eine Feststellung seines künstlerischen Sprach-
gebrauches, der nur aus schwierigen Einzeldeutungen gewonnen werden
kann und doch wieder für jede Einzeldeutung den entscheidenden Maas-
stab abgibt. Es ist unter solchen Umständen, scheint mir, viel erreicht,
wenn Hauptzüge einer Erklärung sich Licht verbreitend zusammen-
schliessen, und es bezeichnet schwerlich einen Fortschritt, wenn zweifel-
hafte Einzelheiten, sofern sie nicht wesentlicher Katar sind, das Licht
wieder auslöschen sollen. Der aufgestellte Erklärungsversuch würde
Folgendes, so viel icli sehe, zum erstenmale verständlich machen:

1. die lange Seereise Trajans, die ihrem Verlauf wie ihrem Zweck
nach vollkommen räthselhaft war. Ihr von Froehner erkannter Ausgangs-
punkt Ancona ist allgemein anerkannt. Die eingehende Schilderung von
Korinth haben mir Petersen, wenn ich ihn recht verstehe, und andere
zugegeben; dann kann aber die Fahrt, wie bemerkt, nur nach Thrakien
oder Untermösien gerichtet sein. Hatte Trajan rasch dorthin zu gelangen,
so musste er in guter Jahreszeit (Anfang Juni 105) den Seeweg Mahlen,
und zwar mit der adriatischen Flotte, welcher der directe Verkehr in
jene Provinzen, wie Vegetius überliefert, zugewiesen war.
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