Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

Seite: 198
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1896/0208
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
198

sind wir eigentlich nicht befugt zu fragen; verlangen kann man lediglich,
dass er keine Unklarheit zurücklasse, dass er evident sei. Mit grösserer
Evidenz aber als hier, wo das Wunder der Uonaubrücke den Betrachter
sofort nach Obe'rmösien führt, Hess sich gar nicht an einem neuen Orte
einsetzen; eines verdeutlichenden Überganges bedurfte es dabei nicht,
er konnte wegfallen. Ich möchte müssigen Streit vermeiden und unter-
drücke den Nachweis, wie und wo der compöuiereude Künstler ander-
weit von jener Freiheit, die nicht etwa bloss ein Recht, sondern eine
Pflicht seiner Kunst ist, wenn sie nicht langweilig werden soll, was ja
schlimmer als alles wäre, thatsächlich Gebrauch macht, und wie Petersen
selbst mit einem Erklärungsversuche, den er für eine Partie des ersten
Krieges aufstellte (S. 110 f.) eine Lücke gleicher Art statuierte, aller-
dings um sie auch da, wenn ich recht verstehe, als Anstoss zu empfinden.

Gewichtiger scheint ein zAveiter Einwand: die in dem Bilde der
Kaiserschlacht dargestellten Landwälle könnten unmöglich diejenigen
der Dobrudscha sein. Zwei derselben seien Erdwälle, nur der dritte
eine Mauer, im Relief sähe man alle drei Befestigungsreihen gleich-
massig als Quadermauern ausgeführt. Aber das ist Sache des künst-
lerischen Sprachgebrauches, dem Petersen meines Erachtens auch in ande-
ren Punkten nicht ganz gerecht wird,11) nichts als eine im Interesse der
Deutlichkeit gewählte Darstellungsformel, wie der Künstler überhaupt aus-
nahmslos alle römischen Schanz- und Befestigungswerke, die auf der
Säule vorkommen, als Quaderbauten gibt, sogar das aus Rasen herge-
stellte Tribunal, worauf der Kaiser sitzt oder steht, immer als Quadermauer
bildet. — Und die dritte Mauer werde 'eben erst gebaut.' Indes hat man
die Mauer im Bilde vollkommen fertig vor sich und sieht nur, wie an
ihr gezimmert, neben ihr Kalk bereitet wird und Bäume gefällt werden,
was doch alles, wenn man ein so hübsch belebendes Neben werk mit
Deutungen foltern wollte, nicht auf einen Neubau, sondern auf Aus-

") So bemerkt Petersen zu den Scenen, die nach meiner Deutung einen doppelten
Übergang über den Balkan anzeigen: „Hier ist in der That jeder Satz unhaltbar,
wie es nicht anders sein kann, wenn einmal ein falscher Weg eingesehlagen ist. —
Nicht ein Armeecorps, das sich hätte theilen können, um den Feind von ver-
schiedenen Seiten zu fassen, ist mit Trajan von Ancona abgefahren, sondern offenbar
nur ein paar Cohorten zu seiner Begleitung; die Armee sollte er an der Donau antreffen.
Es ist undenkbar, dass diese geringe Mannschaft sich getheilt habe, und noch mehr,
dass sie, eilend den Kriegsschauplatz zu erreichen, ihren Weg durch erst zu bahnende
Gebirge genommen habe. Unmöglich ist es endlich, in den arbeitenden Leuten [die
an dem Zickzackweg über das Gebirge hantieren] Praetorianer zu erkennen." Hier
verzeihe mir Petersen, wenn ich den einleitenden Satz dieser Kritik wie einen Spiess
umkehren muss. Die arbeitenden Leute habe ich nicht Praetorianer, sondern Genie-
soldaten genannt und ihr Cantonuement in dem leeren Castrum vermuthet, das man
neben ihnen sieht; also eine Mannschaft, die schon im Lande liegt, wie mir auch,
loading ...