Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 19.1896

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thun, so will ich mich gern seinem schärferen Sehen fügen. Wiewohl,
wird uns bei der Gedanken- und Formenarmut dieser traurigen Mach-
werke ein neuer Reihungsversuch mehr lehren als der alte, von dem
wenig oder nichts zu lernen war?

Wesentlich gefördert hat Petersen die Erklärung durch seine
Bemerkungen und Citate Uber die dargestellten Barbarentypen. Hier
schöpfte Furtwängler das Motiv für seine Ausführungen über die
Bastarner. Den Barbarentypus von Adamklissi, der das Haupthaar quer
über den Kopf gestrichen und an der Schläfe in einen Knoten zusammen-
gewunden zeigt, erläuterte Petersen durch das, was Tacitus in der Ger-
mania von den Sueben sagt: insigne gerUis obliquare crinem nodoque
substringere.

Tacitus sagt dann weiter,u) dass durch diese Haartracht sich
die Sueben von den übrigen Germanen unterschieden wie in ihrem
eigenen Stamme die Freien von den Knechten, und dass diese Haar-
tracht zwar auch bei anderen Stämmen auftrete, sei es wegen einer
gewissen Verwandtschaft mit den Sueben, sei es, wie zu geschehen
pflege, nachahmungsweise, indessen selten und nur im Jugendalter,
während die Sueben ihr struppiges Haar bis in das Greisenalter zurück-
strichen und oft auf der Höhe des Scheitels zusammenbänden.

Dass Bastarner diese Haartracht gehabt hätten, ist hiernach zwar nicht
ausgeschlossen, aber nicht wahrscheinlich; überliefert ist es nicht und
keinesfalls zu erweisen. Die Bemerkung des Tacitus, dass die übrigen
Germanen den Haarknoten nicht hätten, scheint Furtwängler entgangen
zu sein, da er sie in seinem ausführlichen Referate über die ganze
Stelle übergeht (S. 67). Unrichtig aber ist, was Furtwängler behauptet,
dass ein derart ausgezeichneter Stamm auf der Trajanssäule als Freund
der Römer und auf ihrer Seite kämpfend auftrete. Wie ich nachwies,
kommt er auf der Säule nicht mehr als zweimal sicher vor. und zwar
nicht in Kampfbildern, sondern in Verhandlungsscenen mit Trajan. Die
eine, oben schon besprochene (Froehner III pl. 130, Bartoli n. 262), fällt
in den zweiten Krieg; Abgesandte verschiedener Barbarenstämme sind
in Unterredung mit dem Kaiser, nachdem er die Donaubrücke über-
schritt und das feindliche Land betrat; an ihrer Spitze steht ein mit
dem Mantel ausgestatteter, waffenloser Häuptling dieses Stammes. Die
zweite Scene, im ersten Kriege (Cichorius I Taf. XXI, Froehner I pl. 52,

1J) Tacitus Germania 38: Insigne gentis obliquare crinem nodoque substringere:
sie Suebi a ceteris Germanis, sie Sueborum ingenui a servis separantur. in aliis
gentibus seu cognatione aliqua Sueborum seu, quod saepe accidit, imitatione, rarum
et intra iuventae «patium, apud Suebos usque ad canitiem horrentem capillum retor-
quent, ac saepe in ipso vertice religant; prineipes et ornatiorem habeut.
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