Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 47
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Die Inschrift lehrt uns, dass Galliens unter Vespasian3) legatus
Augusti ad census aeeipiendos in der Provinz Africa war. Dadurch wird
die Deutung bestätigt, die Mommsen (zu CIL V 6988 ff.) nachstehenden
Versen des Statius (v. 83—88) gegeben hat:

Libyci quid mira tributi
Obsequia et missum media de pace triumpkum
Landern et opes tantas? nec qui mandaverat ausus
Expectare f'uit! gaudet Trasimcnus et Alpes
Cahnensesgue anitnae; primusque insigne tributum
Ipse palam lacera noscebat JRegulus umbra.

Gleichzeitig ergibt sich, dass Hirschfeld in seiner nach Stobbes
Vorgang unternommenen Reconstruction der Laufbahn des Galliens aus
dem Gedichte4) im wesentlichen das Richtige traf, während Nohls
Erklärungsversuch5) sich als missglückt herausstellt. Nohl bezog nämlich
die Worte, die bei Statius der Erwähnung des africanischen Amtes
unmittelbar vorhergehen (sed revocant fasti maiorque curulis Nec promissa
semcl v. 82 f.), auf Gallicus' zweiten Consulat. Hirschfeld dagegen erklärte,
maior curulis könne nur den Consulat im Gegensatz zur Praetur be-
deuten; es sei also der erste Consulat des Gallicus gemeint. Unsere
Inschrift, in der Rutilius Gallicus cos., nicht cos. II, genannt wird, hat
Hirschfeld Recht gegeben; und damit fallen Xohls gesammte Combi-
nationen.ü)

Dieses Ergebnis wäre freilich au sich ziemlich belanglos, wenn sich
nicht eine Folgerung von staatsrechtlichem Interesse daran knüpfen ließe.

Rutilius Gallicus hatte im J. 89, in welchem das Gedieht verfasst ist
(v. 17. 90 ff), „kaum begonnen, das 60. Lebensjahr zu überschreiten".7)
Man hat demnach nur die Wahl, seine Geburt entweder in das Jahr
28 oder 27 n. Chr. zu setzen. Nun wurde er im J. 68 an Stelle des
am 9. Juni dieses Jahres getödteten Kaisers Nero in das Collegiuin
der sodales Augustales cooptiert8), während er andererseits nach Hirsch-

3) Und zwar wahrscheinlich während Vespasians Censur (73,74), vgl. Cagnat
comptes rendus a. a. 0. p. 51.

4) Friedliinder Sittengeschichte IIP 483f.

5) Friedländer IIP 453 ff. = III'1 481 ff.

c) Merkwürdigerweise scheint Cagnat nicht dieser Ansicht zu sein. Er sagt
(comptes rendus a. a. 0. p. 47): „par lä (durch Statius' Gedicht), nous savons . . .
qu'aprfcs etre arrive deux fois au consulat . . . il fut revetu des differentes fonetions,
parini lesquelles se place une mission en Afrique."

7) non illud culpa senectae Quippe ea bis senis vixdum orsa excedere
lustris v. 52 f.

8) CIL VI 1984, vgl. Dessau, Ephem. epigr. III p. 74—7G.
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