Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 139
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gegangen ist.116) Die Hauptsätze seiner Argumentation sind folgende:
Die auf der Säule angegebenen Staaten scheiden sich in drei Gruppen,
von welchen die dritte und letzte (von Poteidaia bis Amprakia) die
korinthischen Colonien. die erste (von Tegea bis Tiryns) die Staaten
des peloponnesischen Bundes umfasst; so liegt die Vermuthung nahe,
dass die zweite Gruppe aus jenen Staaten gebildet ist, „welche sich
der Leitung Athens unterordneten". Diese Staaten scheinen nach der
Zeit ihres Eintritts unter die attische Hegemonie aufgezählt zu sein und
derselbe Grundsatz scheint auch für die Abfolge der Glieder der pelopon-
nesischen Symmachie maßgebend zu sein. So hätte uns die delphische
Liste ein Bild der allmählichen Erweiterung des Bundes erhalten.117)
Es braucht nicht gesagt zu werden, wie weittragend dieses Ergebnis,
seine Richtigkeit vorausgesetzt, und zugleich wie erwünscht es wäre.
Auch nach den rühmenswerten Bemühungen Busolts im ersten Band
seiner „Lakedaimonier" haben wir nur ganz allgemeine Vorstellungen
über das Anwachsen des peloponnesischen Bundes und bleiben Mangels
an Material — die Hanptquelle bilden einige dehnbare Äußerungen
Herodots (I 68, V 74) — für den Zeitpunkt des Zutritts der einzelnen
Staaten auf Vermuthungen angewiesen, die häufig recht subjectiver
Natur sind. Der einzige, wirklich feste Punkt ist der Anschluss von
Tegea, über den eine literarisch überlieferte Urkunde unterrichtet.118)
In der Liste der Schlangensäule hätten wir nun eine urkundliche Grund-
lage für die Zeit, wann die Städte der Argolis und die nordpelopon-
nesischen Staaten sich den Spartanern anschlössen.

Aber ich glaube nicht, dass Domaszewski's Ergebnis soweit ge-
sichert ist. um als festes Gut der Wissenschaft einverleibt zu werden.
Wie sehr es mit seiner Grundanschauung über den Charakter des Ver-
zeichnisses als offizieller Liste des Bundes zusammenhängt, gegen welche
wir Bedenken erhoben, springt ins Auge. Allein es lassen sich noch
andere Einwände gegen seine Aufstellung vorbringen.

Domaszewski vermag das Princip der parallelen Anordnung der
Liste in drei Theilen nur dadurch herauszubringen, dass er annimmt,
die Tenier, Siphnier und Kythnier seien erst später hinzugefügt worden.
Was die Tenier und die Siphnier anlangt, so ist diese von Dethier zu-

116) Pohlmann, Grandriss der griech. Geschichte 2 49 erwähnt sie in zustim-
mendem Sinne.

in) Otfried Müller, Dorier 2 I 179 hatte in ähnlicher Weise angenommen, dass
die Inschrift auf dem olympischen Weihgeschenk die Ordnung der Glieder der spar-
tanischen Bundesgenossenschaft darböte.

118) Busolt, Laked. I 262, Griech. Gesch. 2 I 709. 710.
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