Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 152
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Colonien') der alte Grundsatz, dass jede Neugrtindung eines bürger-
lichen Gemeinwesens ein verjüngtes Abbild der Hauptstadt des Reiches,
ein Abbild der die Kräfte des Reichs in gewissem Sinne zusammen-
fassenden Metropole geben sollte, dazu führte, dass öfter auch mancherlei
unwesentliche Äußerlichkeiten der Einrichtungen ihres Vorbildes copiert
wurden: das Capitol, Namen und Zahl der Bezirke, die Aufstellung des
Bildnisses der Wölfin mit ihren beiden Schützlingen und der — Marsyas-
statuen; die Verbreitung dieses Gebrauchs in einem markanten, dem
Vorbild zunächst ganz fremden Sinne fordert den Vergleich mit den
Rolandssäulen heraus. Der Marsyas, den die Balustraden der stadtrömi-
schen Rostra und der Censorinusdenar zeigen, ist das Urbild für die
Signa libertatis") geworden; die Münztypen legen für die Treue der
Nachahmung Zeugnis ab.

Andere Quellen für dieses Capitel und zwar aus dem Westen des
Reiches, aus der Provinz Numidia, zu erschließen gelang Wilmanns und
Mommsen, von denen letzterer auch um die Klarlegung der juristischen
Momente sich soweit bemüht hat, als der trümmerhafte Zustand des
Materials gestattet (Staatsrecht III 809 f.). Mommsen ermittelte die Lesung
zweier Inschrifren von Thamugadi (CIL VIII17841 Marsyan s(ua)p(ecunia)
f(ecit), aus den Jahren 102—114) und von einer noch nicht mit ihrem antiken
Namen zu bezeichnenden Ruinenstätte (16417 dedieavit statuam quoque
in foro Mar[sya]e, aus dem Jahre 188); Wilmanns entzifferte die vor
ihm nicht verstandene Inschrift von Verecunda 4219 = 18499 (st[a]tuam
Marsyae . . fecit et dedieavit, aus den Jahren 253—260). Da Thamu-
gadi im Jahre 100 zur Colonie erhoben worden ist, und da Verecunda
nicht leicht vor der Mitte des dritten Jahrhunderts ein selbständiges
Statut erhalten hat, ist der ursächliche Zusammenhang zwischen der
Marsyassetzung und der Coloniegründung wahrscheinlich genug, wenn
auch der private Charakter der Bildnisstiftung in den angeführten Fällen
nicht außeracht gelassen werden darf.

Eckhels Liste von 12 Städten, für die der Marsyas durch Münzen
nachweisbar sei, ist seither um einen nicht genügend gesicherten Namen,
Patrae, verkürzt und nur um die Colonie Palmyra vermehrt worden,
für die de Saulcy Mel. num. 1877 II 335 anepigraphe Münzen geltend

!) Und Municipien?

2) Ich wiederhole den bequemen Ausdruck des Servius, obwohl er ganz unzu-
reichend ist, und obwohl der offenkundige Mangel an gezieme;.der Vorbereitung des
Commentars die ganze Stelle verleidet: weil auch für uns die rechtlichen Verhältnisse,
deren Symbol der Marsyas geworden war, nicht genügend klar und nicht vollständig
bekannt sind.
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