Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 178
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der gewöhnlichen Wallmauerung (Blendwände mit Gussflillung) eine aus
großen Quadersteinen sehr solid erstellte Mauerstrecke von Uber 30 m
Länge und dahinter ebenso gestreckte Räume wie beim Ostthorreduit
ergraben. Dieses Werk lag, wie das an der Ostflanke, am Wall; hinter
demselben lief wie dort die durch den ergrabenen Canal bezeichnete
Wallstraße (vgl. Lagerplan des Carnuntumberichtes 1886 und 1888).
Seiner Lage und Bauart zufolge kann auch dieser Bau im ganzen nur
Vertheidigungszwecken gewidmet gewesen sein. Von der Sinistralporta
scheint gleich dem Dextralthor die Nordthurnibasis theils im Straßen-
damm, theils im Wegrain zu stecken; auch hier sind die mit Mörtel ge-
bundenen Mauersteine an der Straßendecke und der Rainböschung erhalten.
Nordseits ist wiederum die normale Stärke der Wallmauer mit 90 cm
an einer aus der Böschungswand des nordseitigen Wegraines heraus-
stehenden Mauerstirn zu ermessen. Die Fundamente des Siidthurmes
müssen noch im Felde begraben liegen.

Der gegen die Donau verlaufende Rest der Westflanke der Praeten-
tura wurde theilweise ausgehoben, um Baumaterial zu gewinnen; ich
hoffe, dass bei einer sorgfältigen Ausgrabung die Fundamentgussplatten
erlauben werden, Richtung und Stärke der Wallmauer und Wallthürme
festzustellen, und dass noch so viel im Wallgraben liegt, um eine
Reconstruction der Umfassungsmauer und besonders der Krone in allen
Theilen zu ermöglichen.

Den Wallgraben vor der Ostflanke der Prätentura konnte ich, da
Zeit und Arbeitskräfte mangelten, nicht seiner ganzen Länge nach
durchforschen. Ich fand aber in einigen (Taf. I Fig. 1) durch den
Graben gezogenen Schlitzen schon so reichliches Material, dass ich an-
nehmen darf, dass die zur Reconstruction fehlenden Theile, besonders
des Zinnenkranzes, sich noch auffinden lassen werden.

Die nach der Donau steil abfallende Nordseite des Lagers schloss
eine Grabenanlage aus. Dass das Terrain des Uferrandes in einer
Breite von mindestens 25 m sammt der ganzen Lagerfront schon vor
Ende des 17. Jahrhunderts abgestürzt war, ist aus der Wiedergabe,
welche Graf Marsigli von dem Gelände gibt (Abb. 2 a), zu ersehen. Da-
selbst sind am Absturzrande drei Mauerungen gezeichnet. Eine davon
wird das Aufgehende des Walleinbaues W3 auf Tafel I, Fig. 1 und
Fig. 5 sein, die zwei westlicher liegenden sind zum Theil im Acker-
grunde, zum Theil freiliegend an diesen Stellen noch erhalten.

Thurm I und II stehen 66 m (150 Ellen) weit von einander ab. Da es
wahrscheinlich ist, dass man dieses Intervall für den nördlichen Theil
der Befestigung beibehielt und wiederholte, so lässt sich annähernd der
einstige Lauf der Nordfront auftragen, und wird dort, wo die Längs-
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