Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

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herrühren mögen. Da die Barbaren diese Cultusgebäude offenbar besetzt
hielten und das Lager stark bedrängten, so sahen sich die Römer
genöthigt, dieselben einzuschießen. Zahlreiche Schleuderkugeln aus Leitha-
kalk bis zu 1 Kilogramm schwer, lagen meist in verletztem Zustande
zwischen den Dach- und Deckentrümmern. Den größten Widerstand
namentlich müssen die Wölbungen der Cella des Nemesisheiligthums und
des Zwingers geboten haben, da daselbst mindestens 30 bis 40 Kugeln
aufgelesen wurden. Diese beiden Räume lagen aber auch direct vor
Thurm I (Taf. I Fig. 1, Taf. II Fig. 1) und konnten unschwer von ihm
aus bestrichen werden, wenn schon seine Hauptachse gegen die zum
Dextralthore führende Straße gerichtet war.

Diese Straße, welche das Lager von der porta principalis dextra
zur sinistra durchzog, wird sich südseits der parallelen modernen
Chaussee finden. Ganz zerstört ist sie nur eine Strecke hinter dem
Dextralthor, wto sie sammt den anliegenden Erdmassen zur Errichtung
des hohen, hier sehr ansteigenden neueren Straßendammes (vgl. Taf. II
Fig. 2 und Abb. 2) ausgehoben wurde. Die Aushebung3) reichte bis
zu den Wall- und Thorthurmfundamenten. Sockel wie Aufgehendes
dieser Mauerungen, die noch zur Zeit Marsiglis in situ standen, wurden
durch Sprengung gehoben, wie ich bei Besprechung der Umfassungs-
mauer erläutern werde. Die neue Straße, welche über den Nordthurm
des Ostthores hinweggeht, wird erst nach Ende des 17. Jahrhunderts
gebaut worden sein, da zu dieser Zeit noch beide Thorthürme als Ruine
sichtbar waren, aber vor dem siebenjährigen Kriege, da Below sie ohne
Thurmmauern und nur mit einem weiter südlich aufgehenden Wallwerke
einzeichnete. Seine Planskizze (Abb. 2) verräth uns, dass die Straße erst kurz
vorher hergestellt worden war, denn in sehr charakteristischer Weise gibt
sie den durch Erdabgrabung entstandenen Steilhang wieder; durch Vertical-
striche sind die Pflöcke, durch sich kreuzende Horizontallinien die Quer-
reiser einer Flechtwand angedeutet, welche am Steilhange zur Sicherung
gegen Abrutschungeu angebracht war. (Gleiche Andeutungen auch an einer
kurzen Straßenecke vor dem „Tumulus".) Das Erdreich war also frisch
abgegraben, noch nicht gefestigt und mit einer Rasendecke überzogen
wie jetzt. Die Sohle der durch Abgrabung entstandenen noch heute
unausgefüllten Bucht liegt ziemlich tief unter dem Lagerniveau. Das sieht
man allein schon an der Höhenlage des durch diesen Eingriff unter-

3) Die Ausdehnung dieser Erdaushebung ist aus Fig. 2 auf Tafel II wenigstens
in der Breite zu ermessen. Links auf dem Bilde bezeichnet das Fuhrwerk, die Richtung
der modernen Straße. Rechts erhebt sich das Terrain als Steilhang zu der Höhe
des römischen Lagerniveaus. Zwischen diesen Grenzen vertieft sich das Terrain infolge
dieser Aushebung, wodurch die Thurm- und Mauerfundamente bloßgelegt wurden.
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