Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 181
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/archepigrmoeu1897/0189
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
181

brochenen Canals4) (AB Taf. I Fig. 1), der unter der Wallstraße der
Retentura ergraben, sieb jedesfalls in der Praetentura fortsetzt.

Die Acbse des Thorweges fällt mit der via principalis nicht zusammen;
die beiden Linien schneiden sich vielmehr innerhalb des Lagers irgend-
wo in der Nähe des Tbores. Als Ursache dieser Irregularität hat
Hauser angenommen, dass das Lager in einer späteren Periode erweitert
wurde. Dazu stimmt in der Tbat, dass die Längsachse desselben nicht
normal durch dessen Mitte zieht, sondern zwei ungleiche Hälften ab-
theilt. Die östliche müsste sonach um so viel verbreitert worden sein,
als die westliche schmäler ist. Damit würde sich als ursprüngliche
Ostgrenze des Castrums eine Linie ergeben, die sich nicht weit von der
Richtung des in der Retentura ergrabenen Canals A B Taf. I, Fig. 1
entfernt. Dieser Canal lief dann jedesfalls unter der Wallstraße, welche
ihrem Zwecke erhalten blieb und das hinzugewonnene Areal wurde für
Militärbauten ganz ausgenützt, ohne für einen neuen Wallweg Platz
abzugeben. Eine Terrainstufe in der Verlängerungslinie des Canals AB
scheint wirklich auf die frühere Lage der Ostflanke in der Praetentura
zu führen, doch harren diese Vermuthungen einer Bestätigung durch
weitere Grabungen.

Der Riss des Lagers stellt sich also theils geradlinig, theils poly-
gonal, theils bastioniert dar, je nach Geländeform, Vertheidigungs-
rücksichten oder späteren Erweiterungen.

Die Principalthore sind gegen die Prätorialfront vorgerückt, der
dadurch kleinere nördliche Lagertheil, die Praetentura, umfasst sonach
ungefähr ein Drittel, der südliche, die Retentura, zwei Drittel des Lager-
raums. Die ausspringenden und sogar die eingebenden Winkel sind
abgerundet. An einer bei E (Taf. I Fig. 1) gefundenen Gurtgesims-
platte ist der Radius einer solchen Einrundung zu ermessen, vgl. Abb. 6.

Herr Artilleriehauptmann Albert Langer, Lehrer der Fortifications-
kunst an der Cadettenschule des Arsenals, hatte die Güte, das Vorge-
tragene vom militärtechniscben Standpunkte aus zu prüfen; er sprach
seine Zustimmung aus und fügte das Folgende bei, was ich dankbar im
Wortlaute wiederhole:

„Die Abrundung der ausspringenden Winkel hat die Angriffe der
Demolicrungsmaschinen (Widder etc.") gegen diese am meisten gefähr-
deten Befestigungstheile zu schwächen. Die Anwendung von größeren
Mauerstärken in diesen Saillants, wie sie am Carnuntiner Lagerwall zu
bemerken, sollte diesen Schutz noch vermehren. Die Alten verthei-
digten sich nur frontal, hiedurch ergeben sich aber vor den aus-

4) Die Mauerstirnen des Canals schauen (Tafel II Fig. 2 am Rande rechts
aus der Grasdecke des Steilhangs heraus.
loading ...