Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 188
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der Platte beweist, dass auch dieser eingehende Winkel gerundet war
und zwar mit 2-28 m Radius, wie sich an Abb. 6 construieren lässt.
Die auf dem Bilde sichtbare Gesimsplatte ist an ihrer Fundstolle so
aufgestellt, dass die untere Lagerfläche zur Ansicht kommt; die rechte
Stoßfläche ist abgestossen, sie scheint aber der Bogenfügung gemäß mit
Keilwinkel geschnitten gewesen zu sein.

Mehrere Simsplatten zeigen auf ihren oberen Lagerflächen eine
1 cm tiefe, 30—40 cm breite, die ganze Fläche durchziehende Einarbeitung,
die den Sitz der Zinnensteine auf der Gesimsplatte angibt, wie aus der
ungefähren Übereinstimmung der betreffenden Maße hervorgeht (Taf.III CrJ.
Zwischen dieser Einarbeitung und der äußersten Profilausladung erübrigt
ein 19 cm breiter Raum, um den das Gesimse vor die Zinnenbrüstung
vorgeragt haben wird. Die Verbindung der Steine wurde theils durch
Metallbindung, wie verschiedengeformte Vertiefungen z. B. Taf. IV £r4 in
den Oberflächen der Simsplatten bekunden, theils durch Mörtelbindung
bewerkstelligt, letztere zumeist an den Zinnenplatten. Vor der Mauer-
flucht selbst stand das Gesimse mit dem ganzen Profil, also mindestens
um 35 cm vor. Die obere Lagerfläche desselben liegt im Niveau der
Wehrgangsohle (Taf. I, Fig. 3). Die Dicke der erschürften Simsplatten
beträgt durchwegs 32 cm, die Tiefe mehrentheils 65 cm, nur die beim
eingehenden Winkel E gefundene G6 (Taf. I, Fig. 1 und Abb. 6) ist
85 cm tief und im jetzigen Zustande 76 cm breit. Auch die von der
Flankenmauer der Retentura erhaltene, südlich vom Ostthor im Felde
liegende Platte {G1 im Grundriss Taf. I Fig. 1, Skizze Taf. II, Fig. 2 a
und in Abb. 5 rechts vom aufrechtstehenden Mauerblock) ist gleich den
anderen 32 cm stark, aber 80 cm tief und 1 m breit, also von allen die
weitaus stärkste. Bei E Taf. I, Fig. 1 fand sich mit G6 eine einfach in
Stufen profilierte Platte (Abb. 6 links, Taf. III B, Fig. 3) mit sehr tiefer,
wie für einen Holzdübel bestimmten [Einarbeitung. Über die Einglie-
derung dieses ganz singulären Profils in die Architektur der Wallober-
mauer oder Krone wage ich nicht zu entscheiden.

Vom Zinnenkranz wurden drei ganze Zinnenplatten nebst einigen
Bruchstücken erschürft (Taf. III A, Mitte und rechts oben; Abb. 11;
Taf. III-B, Zt Zs Zh Z6. Mit gleichen Zeichen sind im Grundriss Taf. I,
Fig. 1 die Fundstellen bezeichnet). Zinnenplatte und Zinnendeckel sind
aus einem einzigen Stück7) gehauen, meines Wissens das erste Beispiel
einer derartigen Ausführung.

Im Profil sind die Carnuntiner Zinnendeckel mit denjenigen, welche

7) In germanischen Castellen und Stadtbefestigungen fand man bisher nur
die Deckel allein; die Zinne wird aus Mauerwerk bestanden haben, wie sich schon
an den Deckelkappen, welche die Carnuntiner um 10—20 cm an Breite übertreffen,
ermessen lässt.
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