Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

Seite: 233
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Schulter, steckt in den quer Uber die Brust ziehenden Falten des Ober-
gewandes und hängt — noch weiter nach links gerückt — senkrecht herab.

Die weibliche 0-43m hohe Büste, aus gleichem Marmor (Abb. 37),
trägt über der Tunica den Mantel. Beide Kleidungsstücke sind in ihrer
Textur von einander verschieden, das Untergewand aus einem dünneren,
das Obergewand aus einem stärkeren Stoffe gedacht.

Größeres Interesse als diese ihrer Köpfe beraubten Büsten bietet
der auf Taf. VII in zwei Ansichten abgebildete, überlebensgroße Porträt-
kopf (029 m hoch) aus ähnlichem Materiale. Seine Nasenspitze und
der rechte Nasenflügel sind abgebrochen, und beschädigt sind auch die
Bänder der Ohren und zwar an dem linken mehr als an dem rechten,
sowie einige in die Stirne hängende Locken. Ein schwarzer Sinter,
der noch im Haare am Hinterkopfe sitzt, ließ sich von den Gesichts-

theilen unschwer entfernen. Das Antlitz ist geglättet, während Bart-
und Haupthaar rauh gelassen sind. Die Rückseite des Kopfes ist mit
geringerer Sorgfalt ausgeführt als die vordere. Offenbar war das Bild
vom Anfange an bestimmt, an eine Wand gestellt und nicht von allen
Seiten gesehen zu werden.

Inmitten unserer provinziellen Sculpturen, an welchen zumeist nur
die rohe Mache auffällt, überrascht dieses Porträt durch seinen gesunden
Naturalismus. Die Nase steht beträchtlich schief im Gesichte, und
unser Bildhauer, den wir uns seinen handwerklichen Gewohnheiten und
dem Charakter des Bildwerks nach im Lande selbst, wenn nicht in
Carnuntum so in Sirmium, Siscia oder in einem anderen größeren pan-
nonischen Orte ansässig denken, scheute sich nicht, in seinem Werke
der „Consequenz der organisierenden Natur" ihr Recht zu geben, denn

Abb. 37.
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