Archäologisch-epigraphische Mitteilungen aus Österreich-Ungarn — 20.1897

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infolge der Missbildung- dieses constituierenden Thciles erscheint auch
alles übrige im Antlitze verzogen und verschoben: die dicken Falten
der feisten Wangen, der dünnlippige, gekniffene Mund, das rechte Auge,
das um vieles kleiner gebildet ist, als das linke. Auch sonst ist der
Kopf überaus individuell durchgebildet, was insbesondere von den großen
fleischigen Ohren gilt. Nicht minder, wie so viele oft in grobem Materiale
mit wenigen Meißclhieben ausgeführten Bildnisse, die die alten Etrusker
uns hinterlassen haben, erfreut uns dieses Erzeugnis eines heimischen
Meisters durch Treue und Wahrhaftigkeit.

Haar- und Barttracht weisen den Kopf in die antoninische Zeit.
Dass er aber den Kaiser Antoninus Pius selbst darstelle, wie gleich
nach seiner Auffindung vermuthet wurde, ist in hohem Grade unwahr-
scheinlich. Die Bildung der breiten und gebogenen, verhältnismäßig auch
kurzen Nase unseres Kopfes ist dieser Annahme nicht günstig. Vor
allem widerspricht ihr der mürrische Ausdruck des Gesichtos, da doch
nicht bloß Aurelius Victor die heitere wohlwollende Miene des Kaisers
rühmt, sondern auch Münzbilder und in ihrer Benennung gesicherte
marmorne Büsten in seltener Übereinstimmung das gleiche bestätigen.
Unser Kopf gehört ferner sichtlich einem dicken behäbigen Manne von
vorgeschrittenen Jahren an. Gerade aber Kaiser Antoninus scheint im
höheren Alter schmächtiger geworden zu sein, als er es schon früher
war, so wie ihn mit eingefallenen Wangen ein 1886 in Carnuntum
gefundener Carncol-Intaglio bei Freiherrn von Ludwigstorff zeigt (Arch.-
epigr. Mittheilung aus Osterreich Jahrg. XI Taf. 2). Schließlich ist es
wenig glaubhaft, dass, falls dem Antoninus die früher beschriebene
Asymmetrie des Gesichtes eigenthümlich gewesen wäre, sie in keinem
der vielen uns übrig gebliebenen Portraits dieses Kaisers, die doch nicht
alle auf ein und dieselbe Vorlage zurückgeben, auch nicht von ferne
wäre angedeutet worden. Das etwas spießbürgerliche Aussehen unseres
Kopfes würde es nahe legen, ihn als Bildnis eines provinzialen Würden-
trägers zu nehmen. Sollte aber sein Fundort inmitten öffentlicher Ge-
bäude wirklich nur die Deutung auf den Imperator und dessen nächste
Verwandten zulassen, dann mag er weit eher irgend einen Annier, Arricr
oder Aurelier, beispielsweise den M. Annius Verus, den Vater der Kai-
serin Faustina, der nicht weniger als dreimal Consul war, darstellen,
als den Kaiser selbst. Da wir jedoch über die Lebensverhältnisse dieser
Männer nur die spärlichsten Nachrichten haben und für sie bar jedes
ikonischen Hilfsmittels sind, so fehlt die Grundlage, um die Frage
nach dem Namen des hier Abgebildeten auch nur erwägen zu können.

B. v. SCHNEIDER.
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