Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 1
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0019
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
GESCHICHTE UND GEGENWART

Ein Vorwort des Herausgebers

Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß gegenwärtig keine Zeitschrift besteht, die ausschließlich
der Geschichte und Theorie der Baukunst gewidmet ist. Daß diese Lücke im Schrifttum der
Gegenwart vielfach bedauert wird, hat der starke Widerhall erwiesen, den der Plan dieser Zeit-
schrift in Fachkreisen gefunden hat.

Jede Zeit tritt den Ereignissen der Vergangenheit, die in ihrer Gesamtheit die Geschichte der
Menschheit und ihrer einzelnen Tätigkeiten ausmachen, mit andern Fragestellungen gegenüber.
Das letjte Jahrhundert hat in der künstlerischen Vergangenheit insbesondere formale Vorbilder
und „Motive" gesucht und sie auch in Überfülle zu finden vermeint. Um die Wende des 20. Jahr-
hunderts ging man daran, alles historische Bemühen als lästigen Ballast über Bord zu werfen; der
Gegensatz zwischen Bauforschung und Baupraxis spitzte sich immer mehr zu, bis schließlich die
radikalste Richtung alle Traditionsgebundenheit aufgeben zu können wähnte. Zweifellos ist die
bloße Aufnahme und Darstellung formaler Einzelheiten im Sinne von „Vorlagen" heute nicht von
allgemeinerem Interesse. Dagegen kann die Erörterung der großen Entwicklungsfragen der Bau-
kunst, deren letztes geschichtliches Glied ja eben die Baukunst von heute bildet, von ebenso
großer Bedeutung sein wie die Darstellung neuer Einzelergebnisse der historischen und theoreti-
schen Bauforschung, wobei der Zusammenhang solcher Ergebnisse mit der allgemeinen Mensch-
heitsgeschichte nicht außer acht zu lassen sein wird.

Drei Ströme sind es hauptsächlich, in denen die baugeschichtliche Forschung dahinfließt. Das
große Gebiet des primitiven Bauens ist der fast unbestrittene Arbeitsbezirk der ethnologischen
Forschung; die hier gewonnenen Ergebnisse verbleiben oft innerhalb der ethnologischen Fach-
veröffentlichungen und vermögen daher kaum die allgemeine Bauforschung in dem Maße zu
befruchten, wie sie es ihrer Bedeutung nach vielfach verdienten.

Die Erforschung der frühen Baukunst der geschichtlichen Zeit ist dann die Domäne der Archäo-
logie, die sich ihrer Natur gemäß in der gleichen Weise wie auf die Baukunst audi auf die
Schwesterkünste und schließlich auf alle sichtbaren Erzeugnisse der alten Kulturen erstreckt.
Endlich mündet die Bauforschung in das Arbeitsgebiet der Kunsthistoriker ein und verfolgt
dort vielfach Methoden geisteswissenschaftlicher Art, die nach Weg und Ziel mitunter einen
Gegensatz bilden zu der Anschauungsweise jener Architekten, die ihre Arbeitskraft auch der
Theorie und Geschichte der Baukunst widmen.

Allen diesen Forsdiungsweisen in ihren mannigfachen Schattierungen eine gemeinsame Plattform
zu bieten, auf der sie in engste gegenseitige Berührung kommen können, ist der äußere Zweck
dieser Zeitschrift. Der innere Sinn liegt aber in der Aufgabe dieser Blätter, der internationalen
Erforschung der Baukunst ohne alle scheidenden Grenzen als ein periodisches Organ zur Ver-
fügung zu stehen. Die Baukunst stellt ein Gebiet sichtbarer Kulturäußerungen dar, die allen Völkern
der Erde gemein sind. Allen ihren Werken liegt letzten Endes, unbeschadet aller Nationalitäts-
konstanten, eine gewisse Einheitlichkeit und Familienähnlichkeit zugrunde. Die Verschiedenheit
der Bauten, wie sie innerhalb dieser Zusammengehörigkeit eben vornehmlich durch die Natio-
nalitätskonstanten bestimmt wird, zu erforschen und auf der andern Seite die großen gemein-
samen Züge baugeschichtlicher Ereignisse und Erscheinungen als Bestandteile einer künftigen
Weltgeschichte der Baukunst zu untersuchen und herauszuarbeiten scheint mir die wesentliche
Aufgabe der Bauforschung unserer Tage zu sein. Wie weit die baukünstlerische Praxis aus solchen
Untersuchungen Nutzen ziehen wird ist eine Frage der künftigen Entwicklungen. Die Lösung dieser
Aufgabe aber mit allen Kräften zu fördern ist der tiefste Sinn dieser Zeitschrift. Leo Adler
loading ...