Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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herein zerstört oder in eine falsche Richtung ge-
drängt. Für jedes frühere Zeitalter war es doch
selbstverständlich gewesen, daß es sich in
einer eigenen oder wenigstens ihm zeitgemäßen
Formensprache ausdrückte. Nur im XIX. Jahr-
dert — dem historischen —- gab es diese Selbst-
verständlichkeit nicht mehr. Zwar vollzog sich
schon vor aller Augen der Durchbruch einer
neuen Formenwelt, aber sie galt als fremd und
nüchtern, sie gehörte nicht ins Bereich der
Kunst; sie mußte als notwendiges Übel verhüllt
oder mit Formen aus früheren Stilen aufgeputzt
werden, um in die Sphäre der Kunst aufzustei-
gen, wie z. B. die Verbindung mittelalterlicher
Türme mit eisernen Brücken augenfällig er-
weist. Während eine industrielle Umwälzung
den Anschluß an die neue Technik forderte,
ließen die Architekten im Verein mit der Ge-
sellschaft die Kunst in einer vornehmen, aber
lebensfremden Isolierung beharren. Die falsche
Romantik machte aus dem Landhaus eine
Miniaturburg, aus dem Miethaus einen Palazzo,
aus dem Industriebau ein maskiertes Monstrum.
An diesen beschämenden Tatsachen ist die ver-
fehlte Schulung der Architekten mitverantwort-
lich, nicht zuletzt die Überfütterung mit anti-
quarischer Baugeschichte.

Man täte aber Unrecht, wenn man der histori-
schen Schulung — die durch historische
Entwurfsübungen ins Ungemessene ausgedehnt
wurde — nur ihre bösen Folgen anrechnen
wollte. Man würde dabei übersehen, daß schon
in der Romantik des 19. Jahrhunderts Heil-
kräfte sich regten. Schinkel hatte bereits für
alles Neue und Lebenskräftige offenen Sinn; wir
verdanken ihm manches eigenständige Bauwerk
durchaus modernen Gepräges. Viollet-le-Duc,
Ruskin und Morris, Karl Schäfer kämpften, je-
der in seiner Weise, für die Wiedergeburt des
echten Handwerks und der reinen Baugesin-
nung, also der gesunden und volkstümlichen
Überlieferung. Nur war die allgemeine Richtung
ihres Strebens verfehlt, weil sie die Zeichen der
Zeit nicht erkannt hatten. Auch sie ließen —
genau wie der Klassizismus aller Schattierungen
— die wichtigste Tatsache aus dem Auge: daß ein
neues Zeitalter mit neuen Ideen und einer neuen
Technik angebrochen war, das nach neuem Aus-
druck verlangte. Erst Otto Wagner hat, bei aller
Ehrfurcht für die Tradition, diesen entscheiden-
den Schritt zu einem klaren Bekenntnis für die
Baukunst unserer Zeit gewagt. Die Kontinuität

der Ideen (also die Überlieferung im besten
Sinne) ist durch die Entwicklung seiner Lehre
aus Gedanken von Schinkel, Hübsch, Semper
und vielen Mitstrebenden auf deutschem und
französischem Boden gewahrt1).

Nicht die Tatsache, daß Baugeschichte an den
Hochschulen gelehrt wurde2), sondern wie sie
gelehrt wurde, war an dem katastrophalen Zu-
sammenbruch der Baugesinnung im XIX. Jahr-
hundert mitschuldig. Wenn heute eine extreme
Propaganda des Neuen Bauens alleVerbindungen
zur Tradition leugnet, so ist darin nur eine be-
greifliche Auflehnung gegen jene Art wirksam,
Architekturtheorie und Baugestaltung zu leh-
ren, der wir das Stilchaos und die Scheinkunst
des XIX. Jahrhunderts zuschreiben müssen.
Diese Auflehnung war nicht nur begreiflich: sie
war notwendig. Sie war Pflicht einer Genera-
tion, die das Erwachen des Kulturgewissens an
sich erlebte, die wieder ihre Selbstachtung er-
ringen wollte. Und da nahezu alle Versuche, auf
dem Wege der Anlehnung an überlieferte Stile
zu gestalten, versagt hatten, so wurde schließlich
eine materialistische Auffassung, die sich auf
Gottfried Semper stützte, als Wohltat empfun-
den: Gebrauchszweck, Baustoff und Bauweise
(Konstruktion) rückten zu bestimmenden Ge-
staltungsfaktoren auf. Im Gefolge solcher Ideen
konnte schließlich die „Funktion" (des Raumes,
des Bauteils) zum alleinigen Anlaß und Antrieb
des Bauschaffens gemacht werden, wie dies am
schärfsten von dem Kreis der Internationalen
Kongresse für Neues Bauen verfochten wird.
Daß Zweck, Material und Konstruktion nicht
die alleinigen Gestaltungsfaktoren sein können,
daß dabei Geist und Seele (das „Kunstwollen")
mitwirken, hatte schon Alois Riegl theoretisch
erkannt, Peter Behrens verkündet und im Bau-
schaffen bewährt. Selbst der geistige Führer der
Radikalen (Le Corbusier) hat niemals etwas an-
deres gemeint, wenngleich nur ein Bruchstück
seiner Lehre (die „Wohnmaschine") in die wei-
tere Öffentlichkeit gedrungen und zum Schlag-
wort geworden ist. So setzt sich heute wieder
der Gedanke durch, daß Architektur Technik
und Kunst zugleich sei, daß jedoch der Anteil
des integrierenden Bestandteils „Kunst" von
Fall zu Fall verschieden groß sein wird. In der

1) Vgl. die ausführliche Darstellung in: G. A. Platz. Die
Baukunst der neuesten Zeit. II. Aufl. Propyläen-Verlag,
Berlin.

2) Vgl. Otto Kloeppel. Der Architekt und die Geschichte.
In der Zeitschrift „Städtebau" 1927, H. 1.

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