Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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Schöpfungsperiode eines primären Stils muß
allerdings der Anteil der materiellen Antriebe
sehr stark sein; aber selbst für einen solchen
Stil gilt das Wort Paul Valerys: Die meisten
Bauwerke sind stumm, einzelne reden, es gibt
aber auch solche, die sogar singen1).

Dürfen wir unter diesen Umständen, wie ge-
wisse Künder des Neuen Bauens, die Tradition
für tot erklären?

Nur ein Tor kann heute noch glauben, daß er
die Tradition ganz entbehren, ganz verleugnen
kann. In irgendeiner Form treten die ewigen
Ideen des Bauens immer wieder in Erscheinung.
Das Formenkleid ist vergänglich, die Bautypen
sind das Ursprüngliche, das uns als reine Form
auch dann anspricht, — und dann erst recht —
wenn das Formenkleid verwittert oder abgefal-
len ist. In den Bautypen wirken sich die ano-
nymen Kräfte einer Kultur aus. Sie sind die
eigentlichen Denkmäler der Baukunst. Doch
auch das Formenkleid ist noch immer des Inter-
esses würdig. Nur haben wir heute ein schär-
feres Auge für Unterschiede des Wertes. Wir
können und müssen uns entscheiden, ob die
Flächenstile der Dekoration2) und der Wand-
malerei dem Wesen unseres Schaffens näher-
liegen, oder die plastischen, ob und wie weit
Rokoko noch Anregungen geben kann3) usw.
Stellen wir nunmehr die entscheidende Frage:
Was erwartet der Architekt von der Bau-
geschichte? Um sie bündig zu beantworten, ver-
suchen wir einen Augenblick, uns in die Arbeit
des Architekten zu versetzen. Der Architekt will
sich Klarheit darüber verschaffen, wie er ein
Gerät, einen Raum, einen vielräumigen Bau,
eine Siedlung bilden soll, damit sie „ihren
Zwecken in geistiger und physischer Hinsicht
vollkommen entsprechen". Und wie sind solche
Dinge, soweit sie dieses Bau-Ideal Schinkels er-
reicht haben oder ihm nahekommen, in der Ver-
gangenheit entstanden? Strebt der Baumeister
über die nackte Erfüllung der Daseinszwecke
hinaus, dann wird er sich mit der Kultur seiner

*) Eupalinos, Dialog über die Architektur, von Paul Valery.

2) Mag Dekoration nach Ansicht der Puristen nicht mehr
erlaubt sein (nach Adolf Loos ist Ornament „ein Ver-
brechen"), auf Belebung und Flächenkontraste können
auch sie nicht verzichten.

3) Die Formenwelt der Rocaille kann uns nichts mehr
gehen, die Raumwelt von Guarini bis Balthasar Neumann
birgt starke Anregungen, die in einer glücklicheren Zeit
fruchtbar werden können. Vgl. A. E. Brinckmann. Vor-
trag: Von G. Guarini bis B. Neumann. Deutscher Ver-
ein für Kunstwissenschaft.

Zeit, mit ihrer gesellschaftlichen Struktur, mit
ihren geistigen Interessen, mit ihren materiellen
und geistigen Nöten, kurz, mit ihrem Leben aus-
einandersetzen müssen.

So soll auch die Baugeschichte nicht nur die
nackten Tatsachen der Entstehung bieten, son-
dern ihm erzählen, wie jene Menschen in dem
Bauwerk gelebt, wie sie es benutzt haben. So
wird beispielsweise die Entwicklung der Woh-
nung ein wichtiges Stück Kulturgeschichte er-
schließen. Alle Typen werden an ihm vorüber-
ziehen von der Schilf- und Lehmhütte bis zum
Königspalast, vom römischen Haus bis zum Ro-
koko-Schloß, vom Kloster bis zum Altersheim,
von der Mietkaserne bis zum Apartment-house
und Laubenganghaus, vom Einraum bis zum
Reihenbau der letzten Jahrhunderte. Wertung
der Typen vom künstlerischen und kulturellen
Standpunkt kann diesen Unterricht außeror-
dentlich interessant machen. Und darauf wird
sich die Gestalt der Siedlung aufbauen in ihren
vielfachen Wandlungen bis zum monumentalen
Stadtbau.

Weiterhin erwartet der Architekt von der Bau-
geschichte, daß sie ihm Klarheit über die künst-
lerischen Grundfragen seines Faches verschaffe.
Die Entwurfsübungen können immer nur einen
Ausschnitt zufälliger Natur aus dem Gebiet der
Ästhetik oder Architekturkritik geben. Tausend
Fragen praktisch-ästhetischer Art bedrängen
fortwährend den Bauenden und verlangen klare
Entscheidung. Was ist wichtiger, der Charakter
einer naturhaft gewachsenen Siedlung, oder der
um jeden Preis durchgesetzte Kunstwille des
einzelnen? Gibt es einen Heimatstil im hohen
Sinne, oder ist er nur eine Angelegenheit von
Provinzialen? Ist das flache Dach eine Ketzerei
oder eine Notwendigkeit? Ist es sachlich be-
gründet oder nur ästhetisch? Wie sollen wir uns
gegenüber dem Klassizismus verhalten? In wel-
chen Fällen ist „Ornament ein Verbrechen"?
Soll Malerei und Plastik für die neue Baukunst
nicht existieren?

Gerade an den letzten Fragen zeigt sich am deut-
lichsten, daß der Architekt in die Irre gehen
muß, wenn er sich allzu stark von Tagesmeinun-
gen beeinflussen läßt. Doch ebenso notwendig
ist für ihn Unabhängigkeit des Urteils gegen-
über der Vergangenheit. Kann die Proportion
des Steinbaues für uns noch maßgebend sein, da
jede Öffnung von eisernen Trägern überdeckt
wird? Welche Folgen muß die Einführung des

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