Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 6
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0024
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
nach den geistigen Grundlagen und Maßstäben
des Urteilenden, vor allem aber in der Stützung
der Unbegabten, die zu dem Glauben verleitet
werden, daß sie mit Hilfe ästhetischer Regeln
zu nennenswerten künstlerischen Leistungen vor-
dringen können.

Allzutief war insbesondere die Formenlehre an
den Hochschulen in dem Irrglauben befangen,
daß die antike Baukunst durch Innehaltung
strenger Regeln zur Vollkommenheit gediehen
sei, daß man lediglich Proportionen nach be-
währtem Kanon zu wiederholen habe, um zu
den gleichen Resultaten zu gelangen. Es genügt
aber, die Wandlungen der Proportion innerhalb
einer griechischen Säulenordnung zu studieren,
um zu erkennen, daß die übliche Ansicht, der
dorische Stil sei schwer und finster, der jonische
allein der heitere, auf grober Verallgemeine-
rung beruht. Vielmehr gab es innerhalb des
Dorischen die ganze Skala der Empfindungen
von der Wucht der Verhältnisse am Demeter-
Tempel zu Paestum bis zum befreienden Ein-
druck des Zeus-Tempels in Nemäa (Abb. oben).
Analogien bietet ein Vergleich des Bauschaffens
zweier Meister des deutschen Klassizismus: Die
dorische Architektur Weinbrenners ist schwer
und bedrückend, jene Schinkels heiter und be-
schwingt. Gerade weil wir wissen, daß die Bau-
kunst der Alten geheiligten Proportionen folgte,
verlangt unsere, unter dem Einfluß neuer Bau-
stoffe und Konstruktionen gewandelte, Anschau-
ung eine einfühlende Ästhetik, die der künstle-
rischen Freiheit den Weg bereitet. Die Propor-
tionen der neuen Baukunst verändern sich vor
unseren Augen, von der Fähigkeit des Eisens
und Eisenbetons zwangsläufig bestimmt, Spann-
weiten von früher ungekannten Ausmaßen zu
überdecken und Stützen von einer Feinheit zu

bilden, die bei den heute üblichen Lasten in
Stein unmöglich wären. So findet der schaffende
Architekt die Analogien für seine Arbeit nicht
im Steinbau griechischer Tempel, deren Schön-
heit auch ihn ergreift, sondern in den freien Ab-
wandlungen dieses Steinbaus, wie sie beispiels-
weise in den Straßenhallen römischer Provinz-
städte zu finden sind, vor allem aber in dem
anonymen Holzbau aller Zeiten, für den weite
Spannung selbstverständlich war1).

Demzufolge ist es eine Aufgabe der Anschauungs-
lehre den Wandlungen des klassischen Typs un-
ter den Einflüssen des Lebens, also der Bau-
zwecke, der Baustoffe, der wirtschaftlichen Er-
fordernisse, der Kulturlage nachzuspüren. Solche
Betrachtung bringt tausend Imponderabilien
zur Geltung, die als Komponenten der bürger-
lichen Baukunst mindestens eine so wichtige
Rolle gespielt haben, wie die festen Regeln.

III. Die Gestaltenlehre (Morphologie)
In der Gestaltenlehre bietet sich die schönste
Aufgabe der geordneten Überschau, einer Wan-
derung von Gipfel zu Gipfel. Sie sollte an die
Stelle der Stillehre2) treten, die für uns uner-
heblich geworden ist. Die Stillehre baute sich
auf der Kenntnis von Einzelheiten auf, von denen
nicht wenige die äußere Haut, das ornamentale
Detail betreffen. Ihr Studium war Verführung
zum erborgten und gefälschten Reichtum der
Formen. Es wird anerkannt, daß die letzten
Jahrzehnte eine Erweiterung kunstgeschicht-
licher Betrachtung in der Richtung der Typen-
lehre eingeleitet haben. Über die Charakteristik
der Stile wäre das Wesentliche schon in der Bau-
geschichte zu sagen. Die Stillehre zu einer beson-
deren Disziplin zu erheben, ist um so weniger
nötig, als die Bauformenlehre — ein ebenfalls
reformbedürftiges Lehrfach — Gelegenheit ge-
nug gibt, dieses Gebiet zu behandeln.
Die Gestaltenlehre (Morphologie der Bautypen)
wird — im vollen Bewußtsein des Gewichtes,
das dem Kunstwollen zukommt — die Erklärung
und Ableitung der grundlegenden Raum-, Bau-

1) Gantner bestreitet in seiner „Revision der Bau-
geschichte" den Wert der Analogien für das Bauschaffen.
Diese Meinung wird durch die tägliche Erfahrung des
Architekten widerlegt. Der Anhänger der Auffassung,
daß es in der Architektur keine Wiederholung gebe,
müßte der Einwand überzeugen, daß Architektur in sehr
beträchtlichem Ausmaß Technik ist. Für die Technik
aber ist Wiederholung gleicher Vorgänge und gleicher
Ergebnisse selbstverständlich.

2) Vgl. Soergels Einteilung in Geschichte, Ästhetik und
Stillehre.

6
loading ...