Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 7
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und Siedlungsformen aus allen Gegebenheiten
materieller und geistiger, individueller und über-
persönlicher Art anstreben. Sie wird daneben
die Bildungsgesetze der einzelnen Baustoffe und
der ihnen eigentümlichen Konstruktionen ent-
wickeln. Es werden sich dabei Familien von
Baustofftypen und zugehörigen Formenkreisen
ergeben, die in eine räumliche oder stilistische
Systematik nicht einzuordnen sind, und die
man nur in den Kategorien Holzbau, Stein-
bau, Backsteinbau, Stahlbau, Eisenbetonbau zu-
sammenfassen kann. Von der Kunstgeschichte
muß Anerkennung dieser Formenkreise erwar-
tet werden, auch wenn hier die „schöpferische
Tat" des Einzelnen, gegenüber der ungeheueren
Leistung, keine Rolle spielt, die von der Mensch-
heit in Jahrtausenden vollbracht worden ist1).
Eine Architekturtheorie der dargestellten Art
kann studierenden Architekten nur mit jenen
Mitteln nahegebracht werden, die architekto-
nische Anschauung wirksam wecken. Räume und
Körper üben ihre volle Wirkung nur in der
Natur und in der Umgebung, für die sie be-
stimmt sind. Studienreisen, Führungen und Aus-
sprachen an Ort und Stelle leisten ungleich
mehr, als der Unterricht an Hand photographi-
scher, zeichnerischer oder plastischer Darstel-
lungen (Modelle), die von getreuer Wiedergabe
architektonischer Eindrücke sehr weit entfernt
sind. Schon eher können Lichtbilder sich der
Wirkung des Originals einigermaßen nähern.
Im Nebeneinander zweier Lichtbilder bietet sich
allerdings eine Möglichkeit der Vergleiche, die
in der Natur fehlt. Am ehesten können gute far-
bige Darstellungen von Räumen etwas Gültiges
über das Original aussagen. Unter Umständen
kann sogar eine Nachahmung — kritisch be-
trachtet — von Nutzen sein (z. B. für die Ver-
mittlung des Raumerlebnisses „Pantheon" die
Betrachtung der Nachahmungen dieses Bau-
werks von Weinbrenner in Karlsruhe und Bonatz
in Hannover).

Für die Praxis lernt der junge Architekt am
besten, indem er sich seiner eigenen Sprache —
des Zeichnens — im Unterricht bedient. Das
skizzenhafte Zeichnen von Grundrissen, Schnit-
ten und Aufrissen, also von ganzen Bauorga-
nismen, wird in den Vorlesungen, soweit mög-

') Für die neue Baukunst ist der Anfang zu einer sol-
chen Gestaltenlehre der Baustoffe schon gemacht wor-
den. Vgl. Platz, Die Baukunst der neuesten Zeit.
II. Aufl. S. 15—22, 60—65, 172—198.

lieh, zu pflegen sein; Raumtypen und wesent-
liche Bauformen sollten möglichst nach der Na-
tur in seminaristischen Übungen skizziert und
besprochen werden. Das Nachzeichnen ohne
„Darstellungskünste", die ganz nebensächlich
sind (und dennoch eine ungewöhnliche Rolle ge-
spielt haben) ist außerordentlich bildend, wenn
es sich auf das Wesentliche beschränkt. Das prä-
zise technische Zeichen muß jedoch in diesem
Unterricht nach Möglichkeit vermieden werden,
da es kostbare Zeit wegnimmt und den über-
lasteten Studenten abschreckt.

Die Kunst des Weglassens muß sich vor allem
in dem Verhalten des Lehrers bewähren. Denn
diese Art von Architekturtheorie kann selbst-
verständlich nur eine Auswahl bieten. Die Aus-
wahl aber stellt an die Fähigkeit und an das
Verantwortungsgefühl des Lehrers außerordent-
liche Anforderungen.

In einer Zeit, in der sich der Gesichtskreis des
Studenten durch widrige Umstände — Erliegen
jeder repräsentativen Bautätigkeit, Arbeitslosig-
keit, Mangel an praktischen Aufgaben, Erschwe-
rung des Reisens — gefahrdrohend verengt hat,
kann nur die produktive Erschließung der Bau-
geschichte im umgekehrten Sinne wirken.
Sie ist dazu berufen, ihn aus der Kümmerlich-
keit des gegenwärtigen Lebens herauszuführen
und die wohlverstandene Tradition als Trieb-
kraft künftiger Leistungen zu erhalten. Die Ein-
beziehung der neuen Baukunst wird dem Unter-
richt lebhafte Wirkung verleihen. Die Berüh-
rung mit ihren Problemen wird den jungen
Architekten ebenso vor dem Irrtum bewahren,
daß neue Aufgaben mit alten Mitteln zu mei-
stern sind, wie sie ihn davon überzeugen kann,
daß nicht jede Aufgabe neu ist, und daß es ein
kindliches Unterfangen wäre, alles neu machen
zu wollen. Eine so verstandene Architektur-
theorie wird auch von Künstlern anerkannt wer-
den, die selbst Werte schaffen. Hat doch ein
Führer der neuen Bewegung selbst den Aus-
schnitt aus einer solchen Baugeschichte für
Architekten gegeben. (Le Corbusier in „Vers
une architecture".) Die Entschiedenheit des per-
sönlichen Urteils macht dieses Fragment einer
künftigen Baugeschichte dem Architekten be-
sonders interessant und reizvoll.
Nur schöpferische Interpretation der Baukunst
kann sie auch in Zukunft wahrhaft fördern.
„Nur soweit Historie dem Leben dient, wollen
wir ihr dienen." G.A. Platz

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