Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 8
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DIE BAULICHEN ANREGUNGEN DES „HEILIGEN BERGES

VON ORTA"

Von Fritz Schumacher, Hamburg

Jeder, der reisend durchs Land gestreift ist, wird
wissen, daß es nichts Reizvolleres gibt, als un-
vermutet selber zu entdecken. Man kann die
herrlichsten Leistungen der Kunstgeschichte ge-
sehen haben, wenn man dann plötzlich irgend-
wo auf etwas Unvermutetes, noch nicht Kata-
logisiertes stößt, überstrahlt es die großartigsten
geschichtlichen Erscheinungen: man meint, daß
einem ganz persönlich etwas Köstliches ge-
schenkt sei.

Von einem solchen Geschenk, das mich einmal
entzückt hat, will ich berichten; ich erfuhr da-
bei, daß man sogar in dem doch wahrhaftig von
der Kunstgeschichte um und um gegrabenen
Boden Italiens noch etwas entdecken kann, wenn
man ohne zu suchen, „so für sich hin" geht.
Ich war 1905 im Engadin den Spuren Nietzsche's
in Silvaplana und Sils-Maria nachgegangen, bis
ein hoffnungsloses Regenwetter auch den be-
scheidensten Wanderabsichten ein Ende machte.
Da half kein langes Warten; ich fuhr durchs
Bergell herunter nach Italien herein, — der
Sonne entgegen. Sie bewährte ihren Ruf; ich
traf den Comer-See in herrlichstem Blau, aber
es ging mir seltsam: nach dem erhabenen Ein-
druck von segantinischer Prägung wollte mir
die Welt Oswald Achenbach's zunächst gar
nicht eingehen; ruhelos pilgerte ich, westlich
gewandt, weiter zum Luganer-See, wurde auch
dort nicht heimisch, streifte zum Lago Maggiore
und zwang mich endlich in Pallanza haltzu-
machen.

Als ich nun in dem üppigen Garten des
„Grand Hotel" faul herumlag, hatte ich Muße,
die üblichen photographierenden Engländerin-
nen gründlich zu genießen. Eines Tages breitete
eine von ihnen auf dem Tisch neben mir ihren
Raub aus; da fiel mein Blick auf ein Blatt, das
meine Aufmerksamkeit sofort fesselte: es war
eine reizende, anmutige Kapelle von feinsten
Formen inmitten eines herrlichen Parkes. Ich
knüpfte ein Gespräch an und fragte nach dem
Motiv. „Oh, da finden Sie noch viele, wenn
Ihnen das Spaß macht", war die Antwort. „Orta
heißt die Stelle. It's a lovely place."

Obgleich nun im Munde einer Engländerin „a
lovely place" so ziemlich die einzige Wert-

bezeichnung ist, die man zu hören bekommt,
wenn nicht gerade Abscheu ausgedrückt werden
soll, wußte ich plötzlich, warum ich bisher nir-
gends zur Ruhe gekommen war. Ich beschloß,
dieses Orta aufzusuchen und lernte aus meinem
Baedeker, daß ich meine nach Westen gerich-
tete Seen-Reise nur folgerichtig zu Ende zu füh-
ren brauchte, um das zu tun; denn westlich vom
Lago Maggiore liegt schließlich noch ein wenig
bekannter weiterer See, klein und unscheinbar
neben seinen glänzenden Brüdern und deshalb
kaum besucht, der See, dem Orta, das an seinen
Ufern liegt, den Namen gibt. Ich entnahm aus
dem Buche, daß das, was ich gesehen hatte, eine
Kapelle von einem „Heiligen Berge" sein mußte,
der über der Stadt lag. Ich konnte mir bei die-
sem Begriffe nicht viel denken, aber das eine
war sicher: der kleine Bau war das, was man in
der Sprache des Feuilletons ein „Juwel" zu nen-
nen pflegt, und ich war begierig, ob da wirk-
lich noch mehr solche Juwelen herumliegen
würden.

Die Reise war verhältnismäßig umständlich: zu-
erst Post, dann nochmals Post, endlich traf
man bei Domodossola die Bahn, damals noch
ein ziemlich toter Strang; neuerdings, wo der
Simplontunnel diesen Strang unmittelbar mit
dem Nordwesten verbindet, eine internationale
Verkehrslinie. Wer weiß, ob Orta nicht bald
ebenso bekannt sein wird, wie Lugano, denn es
ist eine der ersten italienischen Stationen auf
dieser Linie, und nur ein Umstand beschützt es
vielleicht in der idyllischen Weltvergessenheit
jener Tage, der nämlich, daß man beim Vor-
beifahren nichts von seinen Schönheiten zu
sehen bekommt. Als wir auf der öden Station
ausstiegen, sagte mein Begleiter, der die ganze
Expedition höchst skeptisch betrachtete: „Na,
das ist ein netter Hereinfall."

Aber dann kamen wir um die deckende Run-
dung eines prächtig bewaldeten Hügels herum,
und nun sah die Sache anders aus. Da lag ein
reizender blauer See, nicht zu groß: alle seine
Ufer spielten noch mit als Kulisse ins Bild her-
ein. An einer Uferseite duckte sich, lang hin-
gezogen, ein Gewimmel malerischer Häuser an
den Rand eines bewaldeten Hügels; dieser Hügel

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