Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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war der „Heilige Berg", und aus Respekt vor
ihm hatten sich die Menschen so angesiedelt,
wie Einer, der es nur wagt, auf dem Rande des
Stuhles schüchtern Platz zu nehmen» Obgleich
sich rings die schönste Gegend ausbreitete,
drängte sich alles in einer langen Straße am See
neben- und übereinander zusammen, und gleich-
sam um das Land zu entlasten, waren auf einer
kleinen Insel, die vor dem Hafen liegt, Kirchen,
Klöster und Terrassen so zusammengehäuft, daß
eine phantastische Zauberstadt wie ein Wunder
unmittelbar aus den Fluten emporzusteigen
schien.

So saß und drängte alles eng aufeinander, und
der schöne weite Raum war ganz für den Heili-
gen reserviert, dessen Ruhm und Ehre die Stadt
zum Zweck ihres Daseins erkoren hatte: sie ist
ein einziges Denkmal des heiligen Franziskus
von Assisi, das reizendste Denkmal, das ich bis-
her gesehen habe.

Es ist nicht ganz leicht, seinen Reiz und sein
Wesen mit Worten zu beschreiben. Zum Teil
liegt dieser Reiz wohl darin, daß der „Heilige
Franziskus" ein so überaus sympathischer Hei-
liger ist, vielleicht der einzige aus der großen
Schar, der dem Nicht-Katholiken persönlich
nähertritt. Wer die bescheidene Geschichte seines
Evangeliums, den „Blütenkranz des heiligen
Franziskus" einmal gelesen hat, wird nicht nur
ein Bild rührender Güte, sondern zugleich die
Schönheit einer Dichtung nicht wieder verges-
sen. Ganz frisch und zeitgemäß aber mutet uns
die Religions-Philosophie dieses Mannes an, sie
ist die erste Blüte eines christlichen Pantheis-
mus. Gott ist diesem Verkünder nicht außer-
halb, sondern innerhalb der sichtbaren Natur,
und so sieht er ihn im Tier, in der Pflanze, im
Stein, und ehrt ihn in diesen Gebilden. Aus die-
ser Verehrung entwickelt sich die Lehre einer
rein vergeistigten Liebe, nicht nur der Liebe
zum Menschen, —■ die ist selbstverständlich, —
sondern eine Liebe zur Kreatur, und die ist et-
was Neues. Das Tier und der Baum sind ihm
„Brüder", daraus entwickelt sich unvermerkt
ganz allgemein Verständnis und Liebe zur
Natur. Lange, bevor das merkwürdig lange
schlummernde Naturgefühl im allgemeinen
Menschheitsbewußtsein erwachte, hatte dieser
Mann es empfunden und machte einen Gottes-
dienst daraus.

Wenn man diesem Manne ein Denkmal setzen
wollte, könnte man zunächst nichts Schöneres

tun, als ihm ein Stück erlesener Natur zu wei-
hen. Der Wanderer, der von der Piazzetta Ortas
heraufsteigt zum „Heiligen Berg", sieht sich auf
dessen Gipfel in einem herrlichen Park; er fin-
det große Terrassen, von denen aus der Blick
sich weitet über den See mit seiner verzauberten
Insel, und eingebaut in dieses Stück herrlicher
Natur beginnt nun die Kunst ein seltsames Er-
zählen.

Man hat sich zur Aufgabe gemacht, Leben und
Taten des heiligen Helden wie in einer Chronik
vor den Augen des Besuchers zu entrollen, und
das geschieht in naiver Weise mit der Lebendig-
keit einer szenischen Vorführung: zwanzig Epi-
soden aus dem Entwicklungsgang des „Heiligen
Franziskus" sind herausgegriffen, und man er-
lebt sie mit. In hunderten von lebensgroßen
farbigen Figuren aus gebranntem Ton, die in
großer Lebendigkeit und doch durch das Mate-
rial leise stilisiert, geformt sind, werden diese
Szenen zur Darstellung gebracht, aber nicht das,
sondern der Hintergrund, von dem diese Szenen
sich abheben, ist eigentlich das Seltsame: man
kommt an eine zierliche Kapelle, betritt sie und
findet sie nicht leer, wie man erwartet, sondern
voller Menschen; alle Gestalten folgen gespannt
einem Vorgang, der sich mitten im Raum ab-
spielt, und man selbst ist trotz eines kleinen Vor-
raumes, der einen unvermerkt von den andern
trennt, sofort einer in der Schar der Zuschauer.
Das naive Gemüt erlebt alle diese Heiligen-Ge-
schichten unmittelbar mit. Aber so erstaunliches
Können diese volkstümlichen Szenen auch zei-
gen, und so geschickt die Massenregie auch ist:
die eigentliche künstlerische Überraschung liegt
nicht in ihnen, sondern in dem Geist, der in den
architektonischen Hüllen dieser Szenen zum Le-
ben gekommen ist. Schon wenn man die erste
Kapelle gesehen hat, weiß man, daß hier ein
ganzer Künstler gewaltet hat, und wenn man sie
alle zwanzig nacheinander vor sich hat auf-
tauchen lassen, steht man bewundernd vor einer
schöpferischen Leistung ganz besonderer Art.
Hier hat ein Architekt in kleinen Einzelarbeiten
die ganze Fülle seiner gestaltenden Phantasie
ausgegossen.

Wir wollen versuchen, seinen Spuren zu folgen.
Zunächst lernen wir ihn kennen als einen Mann
von feinstem städtebaulichen Empfinden. Die
Art, wie er diese zwanzig Kapellen in dem Park,
der den Gipfel des „Heiligen Berges" deckt, ver-
teilt hat, so daß sie auf engem Räume sich nicht

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