Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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sie verkörpert den höchsten Grad schlichter
Grazie, der in der Richtung dieses architektoni-
schen Gedankens erzielbar war; selbst Rafael's
feine Schöpfung sieht schwerfällig aus neben ihr.
Und auch die „Capeila non finita" begnügt sich
nicht mit einer einfachen Lösung des Tempietto-
Gedankens, dem Säulenkranz unter einem ge-
raden Gebälke, sondern macht sich die Aufgabe
schwerer: sie wagt sich an ein Motiv, das sonst
meines Wissens niemals versucht ist, das Motiv
der Treppe, die sich in die offene umkränzende
Architektur des Umganges hereinlegt. Das ist
eine geistreiche Lösung, die uns zeigt, daß wir
es hier zu tun haben mit einer architektonischen
Kraft von ungewohnter Stärke (Tafel 3).
Und damit wird man immer lebhafter zu der
Frage gedrängt: wer ist dieser Meister? Wer hat
es vermocht, die imposante architektonische Lei-
stung dieser Kapellenfamilie, die, abgesehen von
den allerletzten kleinen Bauten, unverkennbar
trotz einer gewissen stilistischen Entwicklung
einen einheitlichen künstlerischen Willen zeigt,
in die Welt zu setzen?

Die Leistung ist so vollendet, daß man ihren
Schöpfer nur in der vordersten Reihe der Mei-
ster jener Zeit der Wende vom sechzehnten zum
siebzehnten Jahrhundert suchen möchte. Man
könnte schwanken, ob man es mit Pellegrino
Pellegrini, den die Kunstgeschichte Tibaldi
nennt, zu tun hat, der in jenen Jahren im Nor-
den Italiens die kühnste Kraft und stärkste Per-
sönlichkeit in zahlreichen Meisterwerken be-
wiesen hat, oder ob der sanftere Galeazzo Alessi,
dessen Gestalt nicht weniger herrschend hervor-
ragt, hier am Werke gewesen ist. Ich glaubte
damals, den wagemutigen Geist Tibaldi's zu er-
kennen und legte diese Hypothese in einer klei-
nen Arbeit nieder, die in der „Deutschen Bau-
zeitung"1) erschien und zur Folge hatte, daß
ich bis zum Ausbruch des Krieges alljähr-
lich einige Architektenkarten aus Orta erhielt,
in denen mir fremde Kollegen oder Studenten-
gruppen bestätigten, daß meine damalige Be-
geisterung nicht zu hoch gegriffen habe.

Mein kurzer Besuch hatte aber noch andere Fol-
gen. In jenem Aufsatz wies ich darauf hin, daß
hier die Forschung ein bisher vernachlässigtes
Kapitel nachzuholen habe, und als kurz darauf
einer meiner Dresdener Studenten mich um eine
Doktoraufgabe bat, brauchte ich nicht lange
nachzudenken. Paul Goldhardt holte sich durch
Deutsche Bauzeitung 1905, Nr. 42 u. 43.

seine treffliche Monographie über die „Heiligen
Berge" Norditaliens seinen Doktortitel1). Er ord-
nete die historischen Zusammenhänge und nahm
vor allem das reiche Material in vorzüglichen
architektonischen Zeichnungen gewissenhaft und
feinfühlig auf. Ihm ist das geometrische Mate-
rial dieses Aufsatzes zu danken. Goldhardt's Ar-
beiten stellen nun höchst interessante Zusammen-
hänge her, welche die historische Seite des klei-
nen Architektur-Wunders näher beleuchten.
Orta ist nicht der einzige „Heilige Berg" am Süd-
rande der Alpen. Nicht weit entfernt, inmitten
des Gebirges der Valsesia, liegt ein wenige Hun-
dert Einwohner zählender Ort Varallo; die
Kunstgeschichte nennt ihn ab und an, weil hier
Wandmalereien des Gaudenzio Ferrari gesehen
werden können; sie müßte ihn eigentlich nen-
nen als Ursprungsort der eigentümlichen kunst-
historischen Erscheinung der „Heiligen Berge".
Der Keim geht bis in das Jahr 1481 zurück. In
diesem Jahre kehrte ein Franziskanermönch,
Bernardino Caimi, aus Palästina zurück; er kam,
das Herz voll Schani über den Zustand, in dem
er die christlichen Glaubensstätten im heiligen
Lande gefunden, und diese Scham hatte sich zu
dem Entschluß verdichtet, statt des entehrten
alten Jerusalem ein neues Jerusalem mitten in
der Christenheit zu bauen, ein Jerusalem so ge-
staltet und so bewohnt, wie seine heilige Phan-
tasie es sich als Ideal vorstellte. Zu diesem phan-
tastischen Plane wählte er sich einen Hügel bei
Varallo und legte hier 1491 den Grundstein zum
heiligen Grabe. Und nun begann er, von dem
Kloster aus, das am Fuße des Berges lag, zu
bauen, bis ihn 1509 der Tod abrief.

Sein Plan ging ins Große: wir sehen heute in
Varallo eine Stadt von nicht weniger als 44 Bau-
ten, die sozusagen bewohnt ist vom Heiland und
seinen Genossen. Caimi hat diese Bauten längst
nicht alle selber entstehen sehen, aber den Ty-
pus hat er doch festgelegt: eine von idealen
Figuren bewohnte Ideal-Stadt, in die der Pilger
zu Besuch geladen wird, vgl. Abb. 2 auf S. 11.
Anfangs übertraf in Varallo die Kunst des Bild-
hauers, der die Figuren der Kapellen fertigte,
bei weitem die des Architekten. Die Bauten
waren sehr schlicht und kunstlos. An der inne-
ren Ausmalung dieser Bauten und an den Fi-
guren aber arbeitete seit 1503 der geschätzteste

]) Dr.-ing. Paul Goldhardt. „Die heiligen Berge Varallo.
Orta u. Varese." Verlag von Ernst Wasmuth A.-G., Berlin
1908.

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