Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 15
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Künstler seiner Zeit, Gaudenzio Ferrari, und
schuf hier Proben einer höchst temperament-
vollen Kunst. An die Stelle ungelenker, vor 1503
gemachter Versuche mit Holzfiguren setzte er
seine lebensvollen Terrakotta-Gestalten.
Der künstlerische Zug, der dadurch in die from-
men Pläne des Mönches hereinkam, — es wird
behauptet, daß er dem Einfluß Lionardo's zu
danken sei, — griff dann allmählich auch auf
die Architektur über: eine der Kapellen wurde
von Galeazzo Alessi gebaut, und etwas später
machte Pellegrino Pellegrini, genannt Tibaldi,
einen Bebauungsplan, der aber nicht in allen
Teilen zur Ausführung gelangte.

Alessi und Tibaldi, die beiden großen Namen
der norditalienischen Spätrenaissance, verban-
den sich also mit dem Begriffe des „Heiligen
Berges". Es ist ein einfacher Bau, den Alessi
schuf, aber in dem Zusammenhang, der
uns hier interessiert, zeigt er etwas sehr Be-
merkenswertes: wir sehen in ihm den Typus,
der für die Reihen der Langhaus-Hauten unter
diesen Kapellen der „Heiligen Berge" das charak-
teristische Schema gibt. Blicken wir uns aber die
kleinen Bauwerke näher an, die in Tibaldi's Be-
bauungsplan eingezeichnet sind, so finden wir,
daß hier eine ganze Reihe kleiner Zentral-Ge-
bilde auftreten, die einen andersartigen Grund-
charakter anschlagen. Tibaldi, der Neugestalter
des großartigen Zentralbaus von S. Lorenzo in
Mailand und der Schöpfer von San Sebastiano
in Mailand, einem Bauwerk, das die seltene
t orm eines pilastergeschmiickten Rundtempels
für eine Kirche entwickelt, bringt das Problem
des zentral entwickelten Baukörpers in die Welt
der „Heiligen Berge" herein.

Wenn man diese Vorgeschichte Orta's kennt,
rückt manches erst in die rechte Beleuchtung.
Der phantastische Gedanke des Franziskaner-
mönches Caimi vom neuen Jerusalem zeitigt den
zweiten Gedanken, nun auch dem Patron des
Ordens, dem Heiligen Franziskus eine ähnliche
Huldigung darzubringen, und wenn die Art, wie
dies architektonisch durchgeführt ist, auch ohne
daß man Varallo kennt, an die Namen von
Alessi und Tibaldi erinnert, so erweist sich das
nachträglich nicht etwa nur als eine allgemeine
Qualitätsbezeichnung, wie man etwa die fünf-
zehnte Kapelle, bloß weil sie besonders schön
ist, mit dem Namen Michelangelo belegt hat.
Ein Blick auf Varallo zeigt deutlich, wie die
eine Reihe der Bauten, die wir zusammenstell-

ten, die Reihe, die den Typus des Langbaues
variiert, auf Einflüsse Alessi's zurückgeht, wäh-
rend die andere Reihe, welche den Typus des
Zentralbaues in seinen Abwandlungen entwik-
kelt, sich von Tibaldi ableitet. Die Einflußrich-
tungen beider Männer vermählen sich zu neuen
Gebilden.

Dennoch kann man mit ziemlicher Sicherheit
sagen, daß beide Künstler nicht selber in Orta
tätig waren. Die Bauakten zeigen, daß zur Zeit,
als die eigentliche Bautätigkeit in Orta begann
(1588), Alessi bereits tot war (gestorben 1572)
und Tibaldi in Spanien wirkte; letzterer konnte
also höchstens Pläne gezeichnet haben. Weit
wahrscheinlicher aber ist es, daß wir hier, wie
Goldhardt festgestellt hat, einen neuen, bisher
unbekannten Meister vor uns haben, nämlich
den in den Akten mehrfach genannten „padre
ingegnere" Cleto aus Novara. Dieser Architekt
steht augenscheinlich unter dem Einfluß Tibaldis,
der eines seiner meist bewunderten Werke, San
Gaudenzio, in Novara errichtet hat, und hier in
Cleto einen genialen Schüler gefunden zu haben
scheint1). In der stillen Abgeklärtheit des
Klosterlebens faßt ein Meister in den Bauten
Ortas die Züge der Zeit zusammen und ver-
einigt sie zu feinen Neu-Gebilden von seltener
Vollkommenheit. So wirkt das Genie von Ti-
baldi schließlich doch von Varallo über Novara
nach Orta herein, aber es wirkt sogar noch be-
trächtlich weiter: über Orta erstreckt sich sein
Einfluß noch auf einen dritten „Heiligen Berg",
der etwas später als Orta und im Wettbewerbe
mit diesem schnell berühmt werdenden Unter-
nehmen entstand. Nicht weit entfernt von diesen
Stätten, in der Nähe Mailands, erblüht der
üppigste und reichste der drei „Heiligen Berge"
in Varese.

Als künstlerischer Eindruck kann er sich mit
der lieblichen Poesie Orta's ebensowenig messen,
wie Varallo. Was uns aber an ihm im gegen-
wärtigen Zusammenhange interessiert, und was
wir lediglich kurz betrachten wollen, ist, wie
sich hier die Probleme der baulichen Typen, die
in Orta angeschlagen sind, in sprudelndster Ver-

1) Auch der Abt Amicus Canobius, der 1591 den Grund-
stein zur 1. Kapelle legte, war aus Novara; von ihm
heißt es in einer Inschrift der XX.Kapelle: Amicus Ca-
nobius / patrits novsis Abb. S. Bartolomei / Sac. huic.
monti. coronidens. impositurus Cuius ipse ps fundamenta
excogitaverat. sacellum hoc / solemni seraphicici patriar-
chae inaugurat, repraesentandae dicatum / vivens in-
coepit / provises sac. mons, pietis nov^e perfeeere / Anno

MDCLXX.

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