Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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FILIPPO JUVARRA UND DIE MARMORKIRCHE

IN KOPENHAGEN

Von Frederik Weilbach,
I.

Die sogenannte Marmorkirche in Kopenhagen,
im achtzehnten Jahrhundert Friderichskirche
genannt, hat eine sehr merkwürdige Bau-
geschichte, welche für die gesamte Kunstent-
wicklung in Dänemark bedeutungsvoll ist, da
sich der Übergang vom Barock- und Rokokostil
zum Klassizismus während der Ausführung der
Kirche vollzieht. Der Bau wurde im Jahre 1749
von N. Eigtved (oder Eigtwedt) begonnen; die
Arbeit schritt aber sehr langsam fort, so daß bei
seinem Tode (1754) außer den Fundamenten
fast nichts vollendet war. Dann wurde der 34jäh-
rige französische Architekt Nicolas Henri Jar-
din, welcher der neuen klassizistischen Richtung
angehörte, zur Weiterführung des Baues be-
rufen. Die Zeichnungen wurden mit Beibehal-
tung der Hauptdispositionen Eigtveds im neuen
Stil umgearbeitet, und der Bau mit ungeheuren
Kosten bis zum Jahre 1770 fortgeführt. Dann
wurde die Arbeit aus finanziellen Gründen von
der Regierung eingestellt; erst hundert Jahre
später ist der Bau dann von F. Meldahl nach
einem anderen Plane vollendet worden.

Im J ahre 1891 wurde im Archiv des Ministeriums
des Innern in Kopenhagen eine große Anzahl
Zeichnungen von Eigtved, Jardin und anderen
gefunden, welche alle aus den Jahren 1749—56
stammen und auf die Marmorkirche Bezug ha-
ben1). F. Meldahl hat sie 1896 in seinem Buch
„Frederikskirken i Kjöbenhavn" in großen
Lichtdrucktafeln herausgegeben2). Er konnte
die Sammlung mit einigen Blättern, die sich in
Privatbesitz befanden, ergänzen3). Der Text,
den Meldahl beigefügt hat, ist ungenügend,
jedenfalls von der späteren Forschung ganz
überholt.

Auf Tafel I—II gibt Meldahl die beiden hier
abgebildeten Zeichnungen (vgl. Tafel 5, 6). Er
sieht in ihnen den ersten Entwurf Eigtveds für
die Marmorkirche, eine Ansicht, die jedoch
schon längst als irrig erkannt worden ist. Mel-
dahl hatte nicht bemerkt, daß ein päpstliches

*) Jetzt in der Kartensammlung des Reichsarchivs in
Kopenhagen.

2) Auch mit deutschem Text, 1897.

3) Jetzt in der Koch'schen Sammlung der Kunstakademie
in Kopenhagen.

Snekkersten (Dänemark)

Wappenschild mit der Tiara und den gekreuz-
ten Schlüsseln Petri über dem Portal und an
den beiden Türmen angebracht ist. Das Projekt
ist für einen Papst gemacht, und der Bau sollte
wahrscheinlich in Rom oder jedenfalls irgend-
wo im Kirchenstaat aufgeführt werden. Die bei-
den Maßstäbe „Ellen di Sassonia" und „Pallmi
Romani" deuten darauf hin, daß der Urheber
ein in Rom lebender deutscher Künstler war.
Auf dem Grundriß sind feine Konstruktions-
linien angegeben, welche einen in der Theorie
der Architektur geschulten Baumeister verraten.
Ein Kreis, dessen Durchmesser 90 sächsische
Ellen lang ist, tunfaßt den Hauptbau, indem er
die Ecksäulen der vier Portiken außen tangiert.
In den Kreis ist ein Quadrat eingeschrieben,
dessen Seiten die Achteckseiten des Gebäudes
bestimmen. Ein äußeres Quadrat gibt die Gren-
zen der Terrasse an, auf welcher sich die Kirche
erhebt. Vor die Seitenportiken, welche eigent-
lich nur falsche Portiken sind, sind zwei Türme
gestellt, welche genau in der Achse stehen. Wo
der Hauptaltar stehen soll, ist nicht angegeben;
wahrscheinlich handelt es sich um einen Ent-
wurf für eine Gedächtniskirche.

Der Aufriß, in einem gemäßigten Barockstil,
zeugt ebenfalls von der hohen Bildung des
Architekten. Eine ungewöhnliche Sauberkeit
und Klarheit der Zeichnung schließt alle Über-
schwänglichkeiten aus. Die freie Säulenstellung
um den Tambour zeigt sogar schon den kom-
menden Klassizismus an. Der Architekt gehörte
wahrscheinlich jener ltlassizierenden Richtung
des Barock an, die nach 1700 in Italien als eine
Reaktion gegen die Kunstauffassung eines Bor-
romini und Guarini einsetzte.

Eine ganz ähnliche Zeichnung findet sich in der
Accademia di San Luca in Rom. A. E. Brinck-
mann hat sie in seinem „Theatrum novum Pede-
montii" auf S. 128 veröffentlicht1). Hier ist auf
einem Blatt die Fassade und der Grundriß, von
dem jedoch oben etwa ein Viertel abgeschnitten
ist, vereinigt. Ein Archivar hat deshalb dem
Blatt die Aufschrift „No. 12. pezzo unico" ge-

J) Ich habe leider nicht selbst die Zeichnung ansehen
können, weil alle Bücher und Zeichnungen der Accademia
di S. Luca zur Zeit wegen Umsiedelung in Kisten ge-
packt waren.

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