Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 18
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1 cm
facsimile
geben. In der Mitte des Blattes, zwischen der
Fassade und dem Grundriß, steht gestempelt:
„DA D FILIPPO JVVARRA ARCHITETTO".
Dies ist natürlich keine Signatur, sondern eben-
falls von einer anderen Hand hinzugefügt; ganz
ähnlich ist auf dem Kopenhagener Grundriß
der Name N. EIGTVED auf die Rückseite ge-
stempelt, was nur eine spätere fehlerhafte An-
gabe ist.

Brinckmann setzt die Zeichnung mit folgender
Notiz in den Akten der Accademia vom 3. April
1707 in Verbindung1): „II sig. D. Filippo Juvarra
in esecuzione del suo obbligo portö il disegno
per il suo possesso come nuovo accademico, rap-
presentante una Chiesa con due campanili, in-
corniciato con cornice negra di grandezza di
palmi quattro, il quäle fu consegnato al secondo
custode, accio lo conservi nella nostra accade-
miaBrinckmann fügt hinzu: „Neuernannte
Mitglieder mußten der Accademia di San Luca
ein morceau de reception zum Geschenk ma-
chen. Dieser Entwurf sollte für Juvarra von
größter Bedeutung werden; die Idee der Su-
perga taucht hier auf." Damit hat Brinckmann
natürlich nicht sagen wollen, daß die Zeichnung
ein Entwurf für die Superga sei. Unmöglich
konnte der in Messina gebürtige Filippo Juvarra
im Jahre 1707 eine Ahnung davon gehabt ha-
ben, daß seine Heimatinsel im Frieden von Ut-
recht 1713 zu Piemont geschlagen werden sollte,
und daß er infolgedessen Hofarchitekt des Her-
zogs von Savoyen werden würde. Aber auch die
Annahme Brinckmanns, daß das Blatt das „Re-
zeptionsstück" Juvarras für die Akademie sei,
scheint mir ziemlich willkürlich. Brinckmann
macht selbst darauf aufmerksam, daß die Maße
nicht stimmen. Das Rezeptionsstück hatte mit
seiner schwarzen Umrahmung die Höhe von
vier Palmi, gleich 89 cm, gehabt, während die
Zeichnung der Accademia 100 cm Höhe und
70 cm Breite hat. Brinckmann sieht hierin nur
eine Ungenauigkeit; aber wer würde so ungenau
messen? Es ist viel wahrscheinlicher, daß das
Rezeptionsstück Juvarras eine andere Zeich-
nung gewesen ist.

Ein drittes Exemplar des Entwurfs findet sich
in der Staatlichen Kunstbibliothek in Berlin. Es
ist das vollständigste von allen, indem auf einem
Blatt, ähnlich wie in dem römischen Exemplar,
der Aufriß und ein unvollständiger Grundriß
gegeben ist, auf einem anderen der Schnitt und
Theatrnm novum etc. Textseite 53.

darunter ein Grundriß, der ebenso wie der
vorige unvollständig, jedoch unten statt oben
abgeschnitten ist, so daß die beiden Grundrisse
sich ergänzen. Die Türme zeigen zwei verschie-
dene Varianten der Turmspitze; der Maßstal),
scala di palmi Romani, ist unter dem Schnitt
angegeben. Die Berliner Zeichnungen, aus der
Sammlung Pacetti erworben, tragen keine Signa-
tur oder sonstige Angabe des Urhebers.
Die Fassade zeigt, ganz wie das Kopenhagener
und das römische Exemplar, an drei Stellen
päpstliche Wappenschilder mit Tiara und ge-
kreuzten Schlüsseln, und auf dem Schnitt ist ein
solches über der Eingangstür angebracht. Das
Wappenschild ist leer; dagegen bemerkt man
unter dem Aufriß, an der Stelle, wo das römische
Exemplar eine Rosette hat, das Wappen der
Familie Albani, drei Bergkuppen mit einem
Stern darüber. Das Wappen ist nicht in einem
Schild, sondern in einer Plakette angebracht;
auch fehlen Tiara und Schlüssel. Ich kann des-
halb Brinckmann nicht beistimmen, wenn er in
dieser Plakette das Wappen des Papstes Cle-
mens XI. (1700—21) sieht. Ich möchte eher an
seinen Nepoten, den kunstsinnigen Kardinal Al-
bani denken. Die vom Schnitt niederhängenden
Siegel tragen Embleme der Maler- und Bild-
hauerkunst, und in der Plakette in der Mitte ist
die Baukunst symbolisiert.

In seinem Werk über „Die Baukunst des 17. und
18. Jahrhunderts in den romanischen Ländern"
hat Brinckmann das Berliner Blatt mit der Fas-
sade abgebildet (Abb. 47), ihm die Unterschrift
„Projekt von Juvarra" gegeben und es einer
Photographie der Superga gegenübergestellt.
Das ist mit Absicht geschehen; denn S. 60
(5. Aufl.) sagt er von der Superga: „Und die
vollendete Reife dieser Lösung wird begreiflich,
wenn man erfährt, daß Juvarra sich ein Jahr-
zehnt mit diesem Baugedanken getragen hat.
Bereits bei seiner Aufnahme in die Accademia
di S. Luca in Rom, April 1707, hatte er den Ent-
wurf eines Zentralbaues vorgelegt, der einen
interessanten Vergleich gestattet." Auch hier
spricht Brinckmann nicht von einem Entwurf
zu der Superga; seine Worte können aber leicht
die Vorstellung erwecken, daß dies seine Mei-
nung sei, und sie sind wirklich so verstanden
worden1). Das ist aber, wie schon gesagt, nicht

*) Christian Elling: Documents inedits eoncernant les
projets de A.-J. Gabriel et N.-H. Jardin pour l'eglise
Frederic ä Copenliague (Kopenhagen 1931).

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