Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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möglich, wenn das Projekt, wie Brinekmann an-
nimmt, das Rezeptionsstiick Juvarras ist; das
eine schließt das andere aus. Und daß der Bau-
gedanke des Projektes in der Superga wieder-
kehrt, kann nur dann richtig sein, wenn man
ihn sehr allgemein auffaßt. Einen Zentralbau
mit zwei Seitentürmen haben wir freilich in bei-
den Fällen; aber unter diese Kategorie fallen
bekanntlich viele Kirchenbauten in aller Herren
Länder. Der Baugedanke oder die Idee, die in
unseren Zeichnungen Ausdruck gefunden hat,
ist aber von ganz besonderer Art. Die Seiten-
türme stehen in der Achse, was ziemlich un-
gewöhnlich ist, und der Hauptbau hat zwei ganz
gleiche Säulenportiken. Der Bau ist freiliegend
für einen geräumigen Platz oder zwischen zwei
parallelen Straßen, denen die Portiken zu-
gewendet sind, gedacht. Für die Superga ist der
Grundriß nicht verwendbar, da diese Kirche in
einen vierflügeligen Komplex eingebaut ist. Die
Türme sind dort deshalb nach hinten gerückt
und mit den Seitenflügeln eng verbunden. Zwei
Portiken hat die Superga auch nicht, und über-
haupt findet man im Grundriß sehr wenig, was
an unsere Zeichnungen erinnert.

Ob die Zeichnungen alle Kopien sind, oder das
Originalprojekt sich unter ihnen befindet, ist
schwer zu entscheiden. In letzterem Fall würde
wohl am ehesten das Kopenhagener Exemplar
als Original in Betracht kommen. Wenn man
nämlich den verlorenen Schnitt hinzudenkt,
hätten wir hier Grundriß, Aufriß und Schnitt,
wie es einem ordentlichen Bauprojekt gebührt,
jeden für sich gezeichnet. Dann wäre Juvarra als
Urheber natürlich ausgeschlossen, da es ihm nicht
einfallen würde, einen Maßstab in „Ellen di Sas-
sonia" zu gebrauchen. Im Berliner Exemplar ist
alles auf zwei Blätter gezeichnet, und das römische
Exemplar besteht sogar aus nur einem Blatt
(„pezzounico"). Beide sehen wie Widmungsexem-
plare aus. Nichts steht aber der Annahme ent-
gegen, daß alle drei Exemplare vom Künstler selbst
gezeichnet sind. Das Berliner Exemplar war
dann für seinen Gönner, den Kardinal Albani,
bestimmt, das römische für die Accademia di
S. Luca; das dritte hat er vielleicht selbst mit-
genommen, als er nach der Heimat zurückreiste.

H.

Wenden wir uns nun an die Stelle, wo der Bau-
gedanke des Projektes1) wirklich Verwendung

) Ich nenne es fortan,ohneRücksidit auf denAufbewahrungs-
ort der einzelnen Zeichnungen, „Das römische Projekt".

gefunden hat, nach Kopenhagen. Der Grund-
stein zur Friderichskirche wurde 1749 gelegt.
Es sollte eine Gedächtniskirche sein zur Er-
innerung an die dreihundertjährige Herrschaft
des oldenburgischen Königsstammes in Däne-
mark. Der Baumeister war der Däne Nicolai
Eigtved (1701—54), der sich in sächsisch-polni-
schen Diensten als Ingenieur und Architekt be-
tätigt hatte, später auf Kosten seines Landes-
herrn, des Königs von Dänemark, eine Reise
nach Italien gemacht hatte und schließlich 1735
in seinem Vaterland als Hofbaumeister an-
gestellt wurde.

Die Kirche sollte den Abschluß und Gipfel der
Anlage eines neuen Stadtviertels bilden, welches
damals Friderichsstadt, jetzt gewöhnlich Ama-
lienburger Viertel (Amalienborg Kvarter) ge-
nannt wird. Wo die beiden Hauptachsen, die
Amaliegade und die Frederiksgade, sich schnei-
den, wurde ein achteckiger Platz angelegt -—■
der Königsplatz oder Amalienburger Platz — in
dessen Mitte das Reiterstandbild des Königs
Frederik V. von dem französischen Bildhauer
Jacques Saly errichtet wurde. Am Ende des Fre-
deriksgade wurde zwischen den Straßen Bred-
gade und Store Kongensgade (Große Königs-
straße) ein viereckiger Platz hergestellt. Hier
sollte die Kirche so aufgeführt werden, daß sie,
vom Amalienburger Platz gesehen, als point de
vue dienen konnte.

Die Lage zwischen zwei parallelen Straßen ver-
anlaßte den Baumeister, einen ähnlichen Grund-
riß, wie in dem römischen Projekt, zu wählen.
Er gab dem kuppelgekrönten Zentralbau zwei
Haupteingänge, einen gegen die Bredgade, also
auf die Frederiksgade und den Königsplatz ge-
richtet, den anderen hinter dem Altar gegen die
Store Kongensgade. Die Seitentürme liegen ge-
nau in der Querachse.

Wenn wir nun bedenken, daß im Kopenhagener
Exemplar des römischen Kirchenprojektes der
Name Eigtveds der Rückseite des Grundrisses
auf gestempelt ist, und daß der Fassadenaufriß
noch heute mit seinen eigenen Zeichnungen im
Archiv zusammen liegt, kann kein Zweifel dar-
über bestehen, daß das erwähnte Projekt ihm
vorlag und von ihm bei Ausarbeitung seiner
Zeichnungen benutzt worden ist. Er hat in ihm
eine Idee gefunden, die der ihm gestellten Auf-
gabe durchaus angemessen war. Eine starke Um-
arbeitung war freilich nötig, um dem Äußeren
der Kirche den Charakter des französisch-säch-

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