Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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Superga, die 1731 vollendet wurde, ist er zu dem
abgeklärten Stil gelangt, der für seine Schüler
vorbildlich wurde. Das römische Projekt kann
daher nicht eine Jugendarbeit Juvarras sein;
eher kann man darin eine Nachwirkung der
Superga finden.

Ich möchte noch einen Umstand berühren, der
die Vermutung stützt, daß das römische Projekt,
jedenfalls in der Fassung, die Eigtved vorlag,
von Marcus Tusclier gezeichnet ist. Seine kalli-
graphisch zierliche Handschrift erkennt man in
den Maßstabangaben „Ellen di Sassonia" und
„Pallmi Rojnani" wieder. Und die Gewohnheit,
neben den italienischen Maßstab einen anderen
hinzusetzen, ist ihm durchaus eigen. Ein Pro-
jekt zu einem Landschloß (1729), jetzt in der
Kupferstichsammlung in Kopenhagen, hat eben-
falls zwei Maßstäbe, einen in Palmi Romaiii und
einen in Piedi di TSorimberga. Im Jahre 1739
machte Tuscher auf Veranlassung der Kur-
fürstin von der Pfalz ein Projekt zur Fassade
von S. Lorenzo in Florenz. Er hat es in sein
„Abecedario" aufgenommen, und als er das
Buch nach England mitnahm, hat er dem Maß-
stab in Braccia fiorenline einen anderen in
Piedi inglesi hinzugefügt.

Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß
Tuscher die Arbeit eines italienischen Architek-
ten kopiert hat; aber das war nicht seine Art
zu arbeiten. Er hatte sich während seines drei-
zehnjährgen Aufenthalts in Italien eine gründ-
liche Kenntnis der damaligen italienischen Bau-
kunst erworben, und er machte gern Entwürfe,
in denen er seine Kenntnisse verwenden konnte.
Gelehrsamkeit und zeichnerische Geschicklich-
keit, nicht aber künstlerische Originalität zeich-
nete ihn aus. Es wird berichtet, daß er Zeich-
nungen nach Nürnberg sandte, von denen „bös-
willige Leute" sagten, daß sie nicht originell
seien, was er jedoch nicht zugeben wollte.

Wir müssen auch in Betracht ziehen, daß das
römische Projekt, allem Anschein nach, in säch-
sischen Ellen und nicht in römischen Palmi ent-
worfen ist. Der Durchmesser des Kreises, der
für die Konstruktion des Grundrisses den Aus-
gangspunkt bildet, gibt nämlich nur dann eine
runde Zahl, 90 Ellen, während er, in Palmi Ro-
mani gemessen, 228 Palmi lang ist. Ich halte es
daher für sicher, daß das Projekt von einem
deutschen Architekten erfunden („inventiert")
ist, und die Verbindung mit der Marmorkirche
in Kopenhagen, die wir nachgewiesen haben,

macht es wahrscheinlich, daß dieser Künstler
Marcus Tuscher war. Tuscher war auch mit dem
Kardinal Albani bekannt, da er Mitglied der
Etruskischen Akademie war, deren Präsident
der Kardinal war. Durch seine Hilfe hat er es
vielleicht erreicht, daß seine Zeichnungen dem
Papst Clemens XII. (Corsini) vorgelegt wurden;
im Jahre 1733 erhielt er vom Papst ein Ritter-
kreuz mit zugehörendem lateinischen Diplom.

III.

Jardin hat in seinen Zeichnungen, die am
26. Juni 1756 vom König genehmigt wurden, die
Anordnung der beiden Seitentürme in der Quer-
achse beibehalten. Dieser Baugedanke war also
immer noch lebendig; auch wollte man die von
Eigtved gelegten Fundamente benutzen. Es ist
zu bedauern, daß es nicht gelang, den Kirchen-
bau nach Jardins Plan zu vollführen; es wäre
neben Soufflots Pantheon in Paris ein Haupt-
werk neo-klassizistischer Baukunst geworden.
Im Jahre 1770 wurde aber die Arbeit „bis auf
anderweitigen Befehl" eingestellt, und Jardin
reiste nach Frankreich zurück. Erst 25 Jahre
später, als in dem großen Brande Kopenhagens
die Nicolaikirche niedergebrannt war, tauchte
der Gedanke auf, statt diese Kirche wieder auf-
zubauen, die Marmorkirche zu vollenden. Dem
Architekten C. F. Harsdorff wurde aufgetra-
gen, neue Zeichnungen zu verfertigen. Jetzt
hatte aber der Geschmack sich wieder verän-
dert ; der Klassizismus hatte gesiegt, und die Ele-
mente des Barockstils, welche dem Projekte Jar-
dins noch anhafteten, sollten beseitigt werden.
Harsdorff wollte von den Seitentürmen nichts
wissen, und den Hauptbau beabsichtigte er nach
Art des römischen Pantheons umzugestalten. Er
starb jedoch am 24. Mai 1799, wenige Tage
nachdem seine Zeichnungen approbiert waren,
und der Bau geriet wieder ins Stocken;
1819 wurde er ganz aufgegeben und die Türme
abgebrochen; nur der unvollendete Hauptbau
blieb stehen.

Die Kirche, die schließlich F. Meldahl mit Be-
nutzung der Überreste des älteren Gebäudes
1875—94 aufgeführt hat, hat mit dem ursprüng-
lichen Projekt fast nichts mehr gemein. Es ist
ein Kuppelbau nach dem gewöhnlichen, von
St. Peter in Rom abgeleiteten Schema. Eine an-
dere Lösung war nicht zu erwarten in einer
Zeit, in der die meisten Architekten ihre Auf-
gabe in der Nachahmung historischer Stilarten
sahen. Frederik Weilbach

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