Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 25
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Abb. 1. Mariakirche zu Bergen. Grundriß, Längs- und Quer-
schnitt (Umzeichnung nach Nicolaysen) sowie rekonstruierter
Plan des ursprünglichen Zustandes (unten rechts) nach An-
gaben von P.O.Rave. — Vergl. auch Tafel 8.

zeit, die alte Akerskirche zu Oslo und die Hof-
kirche zu Toten, solche zu Grans oder Rings-
acker zeigt kurze Langhäuser mit je einem
Turm über der Vierung, über dem Ostjoch, über
dem Chor. Häufiger ist der einzelne Westturm,
um nur die Beispiele der Klosterkirche in Ber-
gen oder der Mariakirche in Oslo zu nennen.
Als Besonderheit ferner darf die Dreischiffig-
keit gelten bei einer vergleichsweise so kleinen
Kirche. Abgesehen von den Holzstabkirchen, die
durch ihre innere Stützenanordnung als drei-
schiffig gelten können, sind Anlagen aus Stein
mit niedrigen Seitenschiffen im 12. Jahrhundert
überhaupt noch selten im Lande. Die kleine
Albanuskirche auf Selje mag eine der frühesten
gewesen sein. Es folgen die Kathedralen: die
Halvardskirche in Oslo, erbaut unter Sigurd,
dem Jerusalemsfahrer (1103—30), heute nur
noch in den Grundmauern erhalten; der Dom
des Heiligen Svithun (Suetonius) zu Stavanger,
von seinem ersten Bischof erbaut, Rainald,
einem Engländer (gest. 1135); die herrliche
1137 begonnene Magnuskathedrale zu Kirkevaag
(Kirkwall) auf den Orkneyinseln (die im Mittel-
alter -— bis 1450 — norwegisches, nicht engli-
sches Hoheitsbereich waren); die Domkirche
des 1152 gegründeten Bistums Hamar (seit 1567

malerische Ruine); schließlich die seit Ende des
12. Jahrh. neu erbaute Kathedrale von Nidaros
(Drontheim), die räumlich gewaltigste Kirche
Norwegens, in der Grundfläche mindestens sechs-
mal so groß wie die Mariakirche in Bergen.
Sodann: die Yierkantpfeiler im Innern. Überall
sonst finden wir den säulenartigen Rundpfeiler
als Träger der Langschiff-Hochwände. Vielleicht
wirkte bei ihrer Bevorzugung der runde Holz-
stamm im Innern der Stabkirchen mit. Selje,
Oslo, Stavanger, Kirkvaag, Hamar, Drontheim:
immer war es die gleichmäßige Reihung von
drei, vier und mehr Paaren von glattschäftigen
Rundpfeilern, die den reinen Rhythmus im In-
nern der romanischen Kirchen Norwegens be-
stimmten. Schwer und wuchtig dagegen fügt
sich das Quadermauerwerk der viereckigen
niedrigen Pfeiler in Bergens Mariakirche.
Schließlich, und das ist die am meisten auffal-
lende Eigentümlichkeit, finden wir im Kirchen-
innern ein zweites Geschoß, eine Wandgliede-
rung über den Scheidbogen der Seitenschiffe,
auf jeder Seite vier Doppelbogen mit einem
Säulchen in der Mitte. Diese emporenähnlichen
Öffnungen führen auf einen in der Gadenmauer
ausgesparten flach gedeckten mannsbreiten Lauf-
gang, der rings um das Mittelschiff herumgeht,

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