Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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auch durch das Innere des Triumphbogens wie
in der Westwand, hier auch sich erstreckend in
die dicken West-Außenwände der Türme. Im
südlichen gibt eine enge Wendelstiege den Zu-
tritt zu dem Laufgang, von dem aus die durch
östliche Fenster erhellten Dachbodenräume der
Seitenschiffe und des Chores zugänglich sind.
Da die verhältnismäßig kleinen emporenartigen
Öffnungen in weiten und in unregelmäßigen Ab-
ständen voneinander in der Fläche der Wände
sitzen, auch nicht in Achsenbeziehung zu der
Jocheinteilung, zu den Pfeilern und Bogen des
Untergeschosses stehen, wirkt dieses obere Ge-
schoß wie ein für sich bestehendes Stockwerk,
wie eine Emporenanlage (ohne in Wahrheit
eine solche zu sein). Jedenfalls erfüllt der Lauf-
gang keine statische Aufgabe, wie an den nor-
mannischen Bauten jener Zeit. War doch die
Mariakirche ursprünglich in allen Teilen flach
gedeckt oder mit offenem Dachstuhl versehen.
Das ist ohne weiteres zu erkennen, da die dicken
Gewölbe samt ihren plumpen vierkantigen Gur-
ten und Rippen überall ohne Verband auf den
Pfeilern und in den Mauern aufgesetzt erschei-
nen. Durch das Gewölbe büßte das Mittelschiff
seine ursprünglichen Lichtquellen ein, kleine
nun vermauerte Fenster im Obergaden, die man
heute noch außen auf der Südseite gut sieht.
Dafür brach man ein großes Fenster in der
Westwand. Das hat ein Säulenpaar, dessen
Einzelheiten auf die Zeit um 1200 zu deuten
scheinen, und man geht wohl nicht fehl in der
Annahme, daß die Basilika eingewölbt wurde
nach dem großen Brand von 1198, dessen oben
Erwähnung getan war.

Man möchte wissen, wie das völlig vereinzelte
Vorkommen einer flachgedeckten „Emporen"-
Kirche der Hochromanik in Norwegen zu er-
klären ist. Emporenkirchen gibt es sonst keine
im Land, sieht man ab von der gleich auf Wöl-
bung angelegten Magnuskathedrale in Kirkwall.
Diese gehört jedoch stilistisch durchaus in die
Reihe der englischen Anlagen zu Thorney, Nor-
wich, Waltham, Selby. Echte Laufgänge, also
statisch genutzte Doppelwandigkeit, weist das
Querhaus des Domes zu Drontheim auf. Auch
hier liegen Beziehungen zu England offen:
Nicht allein, daß Jon Birgerson, der als der
erste Erzbischof nach Drontheim berufen wurde,
aus Stavanger stammte (das Westland um Sta-
vanger liegt England räumlich und kulturell,
auch heute noch, am nächsten, das Bistum war

wahrscheinlich eine Tochtergründung von Win-
chester, jedenfalls der Dom dem Heiligen Svi-
thun, einem Winchester-Bischof des 9. Jahrhun-
derts geweiht). Der Neubau des Drontneimer
Domes wurde durch den dritten Erzbischof Ey-
steinn begonnen nach dessen dreijährigem Auf-
enthalt in England. Anlage und Einzelheiten
haben viel Normännisches an sich, wie es seit
Wilhelm dem Eroberer in England gang und
gäbe war. Wie aber steht es mit Bergen?
Freilich, auch Bergens Mariakirche weist nor-
männisches Stilgut auf. Die Pfeifenkapitelle der
Pfeiler wären da zu nennen, vielleicht auch die
eine oder andere Einzelheit, die als Arbeit nor-
männisch geschulter Steinmetzen gedeutet wer-
den mag. Das prächtige Säulenportal der Süd-
seite gehört übrigens nicht zur ältesten Anlage,
sondern ist nach Ausweis des Baubefundes spä-
ter vorgesetzt, dem Reichtum der Verzierung
nach etwa gegen Ende des 12. Jahrhunderts.
Woher aber stammt die Pfeilerkirche mit den
Emporen? Manche glauben an unmittelbare
Einwirkung aus der Normandie, und man könnte
der Ähnlichkeit halber an Anlagen wie die
Klosterkirche in Jumieges denken. Aber Jumie-
ges ist über ein halbes Jahrhundert früher ent-
standen, und die normannische Bauschule war
zu der Zeit, als Bergens Mariakirche entstand,
bereits weiter. Auch weiß man nichts von Be-
ziehungen zu dorthin.

Vielleicht hilft ein Blick auf die Bergener
Bischofsliste weiter. Der erste war ein Deutscher,
ein Sachse namens Bernhard. Unter ihm wurde
das Bistum von Selje nach Bergen verlegt. Sicher
hatte er noch Bindungen mit seiner Heimat, und
vielleicht standen die frühesten, heute unter-
gegangenen kirchlichen Bauten Bergens in Zu-
sammenhang mit niedersächsischer Bauweise.
Von seinem Nachfolger Magne weiß man wenig,
aber vom nächsten, Ottar, einem Isländer, weiß
man, daß er 1135 zu Lund in Südschweden ge-
wesen ist. Ebenso war der folgende, Sigurd, 1139
in Lund, freilich besuchte er auch 1146 das
Zisterzienserkloster Fountains bei York. Dieser
Besuch trieb ihn zur Stiftung des Lyseklosters
bei Bergen an, dessen Ruinen allerdings sehr
deutlich englisch-normännischen Gepräges sind.
Er starb 1156 oder 1157, die Folgezeit ergab für
Bergen unruhige, der Baukunst ungünstige Jahr-
zehnte. Unter Ottar oder Sigurd also wird die
Mariakirche aller Wahrscheinlichkeit nach er-
baut worden sein. Könnte ihre Blickrichtung

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