Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 28
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0046
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
DIE „VIERTE PYRAMIDE" BEI GISE. Unter
dieser Überschrift gingen durch die deutsche
und ausländische Presse 1932 sensationelle Be-
richte über die „Entdeckung" einer vierten
Pyramide in Gise. Diese Berichte stützten sich
auf Nachrichten, die aus Kairo kamen und als
irreführend bezeichnet werden müssen. Die
„neuentdeckte Pyramide" ist seit rund hundert
Jahren bekannt, außerdem ist das fragliche Ge-
bäude keine Pyramide.

Bereits 1839 veröffentlicht Perring (The Pyra-
mids of Gizeh, London 1839) einen Plan des
Pyramidenfeldes, auf dem die „vierte Pyra-
mide" als „pyramidal building" bezeichnet ist.
Lepsius, der Leiter der preußischen Expedition,
die im Auftrage Friedrich Wilhelms IV. die
ägyptischen Altertümer aufgemessen und von
November 1842 bis Februar 1843 in Gise gear-
beitet hat, gibt Lage und Einzelheiten des Bau-
werks wieder (Lepsius, Denkmäler aus Ägypten
und Äthiopien, Abt. I, Bl. 14 u. 31). In seinen
schriftlichen Aufzeichnungen, die Sethe und
Borchardt bearbeitet und 1897 herausgebracht
haben, steht bereits die wichtige Bemerkung,
daß Lepsius das Bauwerk, das er Gise, Grab
Nr. 100, nennt, zunächst auch als Pyramide an-
gesehen habe, später aber von dieser Ansicht
abgekommen sei. Es handelt sich, wie Lepsius
genau beschreibt (Lepsius, Denkm. Text, S. 121
bis 122), um eine rechteckige Mastaba, die auf
einer bearbeiteten Felsstufe steht. In die Fels-
stufe sind unten Gräber eingehauen. Gleiche
Anlagen scheinen unmittelbar nördlich zu lie-
gen (Lepsius, Grab Nr. 99).

Das Verdienst der jetzigen Ausgräber ist es,
dieses altbekannte Bauwerk weiter freigelegt zu
haben. Sie fanden dabei Inschriften mit dem
Namen der Königin Chent-Kawes, in der der
Direktor des Deutschen Instituts für ägyptische
Altertumskunde in Kairo, Prof. Dr. Junker, das
legitime Bindeglied zwischen der vierten und
fünften Dynastie erkennt, wie er in einem im
letzten Frühjahr gehaltenen Vortrage ausein-
andergesetzt hat.

Es ist noch von Interesse zu bemerken, daß von
der französischen Expedition an (um 1800) in
Gise neun Pyramiden gezählt werden, drei Kö-
nigs- und sechs Königinnenpyramiden. H. R.

DIE KOLDEWEY-GESELLSCHAFT.

Die ausgräberisch-tätigen Architekten Deutsch-
lands haben sich vor sieben Jahren unter
dem Namen Koldewey-Gesellschaft zusammen-
geschlossen, um in gegenseitigem Austausch und
enger Fühlungnahme der gesamten Baufor-
schung der Antike besser dienen zu können, und
die Heranbildung von jungen Bauforschern zu

fördern. In dem Namen Koldewey soll ewig das
große Verdienst des Zufrühverstorbenen auf
dem Gebiete klassisch-antiker und vorderasiati-
scher Bauforschung geehrt und gewürdigt wer-
den. Alljährlich tritt die Koldewey-Gesellschaft
zu ihrer Tagung zusammen, der jedesmal ein
öffentlicher Kursus für Bauforschung an-
geschlossen ist. Der Berliner Kursus 1927 brachte
vor allem Vorträge über Ausgrabungstechnik,
während der Kursus 1930 im Zeichen der Dar-
stellung von Architektur stand. Nebenbei wur-
den jedesmal eingehende Berichte über die
neuesten Ergebnisse der Forschung mitgeteilt.
Die Tagung von 1932 in Danzig brachte ne-
ben Grabungsberichten einige abschließende
Berichte über bestimmte Forschungen; so
U. Hölscher über den Tempel und Palast in
Medinet-Habu, H. Lenzen über die Parther-
stadt Assur, F. Krischen über griechische Rat-
häuser und G. Martiny über Kultrichtung in
Mesopotamien. Die nächste Tagung soll im
Juni 1933 in Hannover stattfinden.
Die Koldewey-Gesellschaft gibt eine Schriften-
reihe: Studien zur Bauforschung, heraus, von
denen folgende Hefte vorliegen:

1. v. Gerhan: Der Altar des Artemistempels in
Magnesia am Mäander (Berlin 1929).

2. W. Andrae: Das Gotteshaus und die Ur-
formen des Bauens im alten Orient (1930).

3. G. Martiny: Die Kultrichtung in Mesopota-
mien (Berlin 1932).

In Vorbereitung befindet sich: 4. F. Krischen:
Griechische Rathäuser. G. Martiny

DIE KÖNIGSBURGEN IN BABYLON. ERGEB-
NISSE DER GRABUNGEN R. KOLDEWEYS.
Man muß als Nichtteilnehmer an den Aus-
grabungen in Babylon schon sehr tief in diese
beiden stattlichen Bände1) eingedrungen sein,
um den richtigen Maßstab für die physische
und psychische Leistung R. Koldewey's zu
gewinnen und diese fast zwei Dezennien wäh-
rende Tat des einzigartigen Mannes voll würdi-
gen zu können! Jetzt, wo auf schönen klaren
Tafeln mit Aufnahmebezeichnungen, schemati-
schen Plänen, Schnitten und perspektivischen
Ergänzungen dem Leser alles mundgerecht ge-
macht ist, kann es so aussehen, als ob die gro-
ßen und kleinen Mauerzüge sich mühelos aus
dem Schutt herausgeschält hätten, wie es in
kleineren mesopotamischen und anderweitigen
Ruinenstätten der Fall ist. Hier in Babylon aber
waren es schier verzweiflungsvoll hohe Berge
sterilen Ziegelschuttes, die mit unsäglichem Auf-
') Die Königsburgen von Babylon. I. Die Südburg, II. Die
Hauptburg und der Sommerpalast Nebukadnezars im
Hügel Babil von Robert Koldewey, herausgegeben von
Friedrich Wetzel, Leipzig 1931/32 (WVDOG. 54 u. 55).

28
loading ...