Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 29
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wand von Zeit, Geduld, Geld, zuerst große Hö-
hen hinauf- und erschreckend weite Wege hin-
ausgeschleppt werden mußten, damit endlich,
meist erst ganz unten, wo schon das Grund-
wasser das weitere Graben verhinderte, die letz-
ten Reste der Palast- und Festungsmauern in
Fetzen und Brocken ans Licht kommen sollten.
Nach Wochen, Monaten, ja oft erst nach Jahren
schlössen sich diese Fetzen unmittelbar, oder
öfter noch mit Lücken, zu einer Mauer, einem
Turm, einem Raumteil zusammen, oder erlaub-
ten endlich Bauperioden bestimmen und einen
Blick in die geschichtliche Struktur dieser Ge-
bäude- und Ruinenberge tun zu lassen. Kolde-
wey glaubte trotzdem an den Erfolg und fand
ihn gegen mancherlei Widerstände und an der
störrischen Ruine selbst!

Es war noch verhältnismäßig leicht, die „Siid-
hurg" des Stadtschlosses freizulegen, die jetzt
in ihren fünf großen Abschnitten mit gewal-
tigen Haupthöfen, Repräsentations- und Prunk-
räumen, Verwaltungs- und Wohntrakten lücken-
los vor uns steht: Hier ist der Palastgrundriß
infolge der planmäßigen Hochlegung des ge-
samten Niveaus zumeist im Negativ erhalten,
d. h. die Ziegelmauern sind über und unter dem
Palastfußboden ausgeräubert, die Sandfüllung
aber stehengelassen worden. Teile der Südburg
gehen auf die spätassyrische Epoche (Assar-
haddon), auf Nebukadnezar's II. Vater, Nabu-
polassar, und auf die persischen Achämeniden
zurück, das meiste jedoch ist hier, wie an den
alten Burg- und Stadtmauerzügen von dem gro-
ßen Nebukadnezar II. in fast 50jähriger Regie-
rungszeit gründlich erneuert, oder es ist ganz
neu angelegt und auf das Vielfache des alten
Umfanges erweitert worden. Der Zentralhof der
Südburg mit dem mächtigen Thronsaal erhielt
damals seine prächtige Front aus Schmelzfarben-
Ziegeln, gegen welche die Kunststeinverbrämun-
gen mit Cloisonne-Malereien im achämenidi-
schen Palastteil kaum haben in Wettbewerb tre-
ten können. Hier ist die hochentwickelte kera-
mische Kunst, die draußen an der Feststraße
und am Ischtartor die kultische Feier der Pro-
zession überstrahlte, auch ins Innere des Pa-
lastes eingedrungen, wiederum bewußt konzen-
triert auf diese eine bedeutende Stelle, wo der
König als höheres Wesen die Verehrung des
Volkes empfing. In diesem Sinne sind jene far-
bigen Formen und Tiergestalten (Löwen, Stiere,
Drachen) ja auch im Berliner Museum zu ge-
schlossenen Bildern wieder hergestellt — eine
Idee, die Koldewey vorschwebte, seit er 1897
die ersten Brocken von Schmelzfarben-Ziegeln
nach Berlin mitbrachte. Auch hierbei führte
sein geduldiger Wille zum Sieg.

Einem anderen, als dem leidenschaftlich for-
schenden Kenner der Baukunst würde die Er-
kenntnis des Wertes jener Brocken, und der
Wille, ihn zu realisieren, kaum gekommen sein.
Wir wollen dem toten Koldewey dieses Ver-
dienst nicht schmälern lassen durch absurde
Darstellungen mit wissenschaftlichem Anspruch,
nach denen die Reliefs usw. bereits vor der
Ausgrabung in Babylon gestanden hätten und
nur abgeholt zu werden brauchten1).

Es liegt auf der Hand, daß die Untersuchung
einer Königsburg tinunterbrochen zu festungs-
technischen Fragen führt. Sie ist in Babylon
durchgeführt im Zusammenhang mit derjenigen
an der riesigen Stadtbefestigung, über die
F. Wetzel eine besondere Veröffentlichung her-
ausgegeben hat2). Bei dem Stadtschlosse, dem
heutigen Kasr, verquickten sich die Burg- und
die Stadtmauern. Man kann sich Siidburg-
Hauptburg-Nordburg nicht ohne die Doppel-
mauer Imgur-Ellil und Nimitti-Ellil, nicht ohne
das doppelte Ischtar-Tor und nicht ohne die
hohen Mauern vorstellen, die die Prozessions-
straße begleiteten, da, wo sie das Ischtar-Tor
nach außen hin verläßt. Hier ist nun klar ge-
worden, welche phantastischen Pläne Nebu-
kadnezar II. zu verwirklichen trachtete, indem
er vor die alte Nordfront der Stadt eine massive
Ziegelterrasse mit dem Palast der Hauptburg,
vor diese noch ein sicherndes Werk: die Nord-
burg, und neben beide zu ebener Erde ein
Kasernen- und Ausfallwerk errichtete, dessen
Grundfläche dem des neuen Anbaues entsprach.
Bei der alten Südburg hielt er eine Erweiterung
nach Westen für notwendig, die wie im gigan-
tischen Kampfe dem Euphrat abgetrotzt scheint
und vielleicht den westlichen Garten trug. Den
östlichen („hängenden") Garten vermutet Kol-
dewey in dem gewölbten Bau in der Nordost-
ecke der Südburg, unmittelbar neben dem
Ischtar-Tor.

Es kommt noch hinzu die riesige Stadterweite-
rung durch den großen östlichen Mauerhaken,
die zur Anlage eines weiteren Palastes führte,
dessen Ruine heute Babil heißt. Es ist eben-
falls ein „Palastberg", künstlich auf die etwa
zwölf Meter Höhe der anderen Burgen gebracht
und mit Palästen ähnlichen Formates und ähn-
licher Anlage besetzt, wie wir sie in Süd- und
Hauptburg kennenlernen: das babylonische
Hofhaus mit dem großen Wohnraum an der
Südseite des Hofes ist hier ins Allergroß artigste
gesteigert. Der größte Teil des Textes der zwei
Bände und ein großer Teil der Zeichnungen,

') Babylon,dieheiligeStadtvonE.Unger,BerIinl931.S.212.
") Die Stadtmauern von Babylon von Friedrich Wetzel,
Leipzig 1930 (WVDOG. 48).

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