Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 46
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DIE BASILIKA VON POMPEJI UND DIE ENTSTEHUNG
DER ANTIKEN M AR K T B AS I LI K A

Von Fritz Krischen, Danzig

Die Basilika von Pompeji ist durch Amedeo
Maiuri aus vorhandenen Werkstücken teilweise
hergestellt worden und damit zu einer ganz
neuen Wirkung gelangt. So kann die Frage
nach der ursprünglichen Gestalt des bauge-
schichtlich überaus wichtigen Bauwerks auf ver-
besserter Grundlage wieder aufgenommen wer-
den. Eine allgemeine Beantwortung dieser Frage
scheint mir im Anschluß an Maiuris kurzen Be-
richt (Bollettino d'arte, giugno 1931) und aus
eigener Anschauung, wie sie freilich bei nur
kurzem Besuch ohne Aufzeichnungen entstand,
schon heute möglich. Allerdings könnte erst eine
exakte Publikation mit lückenloser, zeichne-
rischer Statistik aller vorhandenen und viel-
leicht noch verstreuten Architektur — Maiuri
erinnert ausdrücklich an das Tumultuarische
der einstmaligen Ausgrabung und das Durchein-
ander der Werkstücke, das er vorfand — eine
endgültige Aufarbeitung bedeuten.

Eine erschöpfende Beschreibung des Bauwerks
brauchen wir nicht zu liefern, müssen aber auf
das für unseren Gedankengang Erforderliche
hinweisen. Das Gebäude erhebt sich auf der
Westseite des Forums nahe der Südwestecke auf
einem ost-westlich gerichteten Rechteck von
66,6 zu 25,2 Metern, dessen östliche Schmalseite
in die Hallen des Forums einbindet (Abb. 1).
Von der Grundfigur ist an jeder Schmalseite in
ganzer Breite aber mäßiger Tiefe ein Streifen
abgetrennt (Tafel 10, unten). Der westliche Strei-
fen, durch das Tribunal und zwei geringere
seitliche Räume symmetrisch unterteilt, ist nun
von Maiuri größtenteils wieder aufgebaut wor-
den. Hier wie an allen Seiten des Bauwerks ist
die Wand zweigeschossig gegliedert — durch
eine Architektur von jonischen Halb-, Drei-
viertel- und Voll-Säulen unten und korinthi-
schen oben. Sie treten an der Seite des Tribu-
nals in sehr weiten Abständen auf, indem sie
die Einteilung in drei Räume mitmachen, die
Seitenräume in fast ganzer Breite durch je ein
weitgestelltes Joch öffnen und die feingliedrige
Architektur des Tribunals durch die Seiten-
joche einfassen. Das Tribunal, durch ein Po-
dium über die Ebene des übrigen Gebäudes er-
hoben, öffnet sich gegen dieses mit fünf normal

gestellten Jochen von korinthischen Säulen, die
um die Höhe des Podiums niedriger sind als
die jonischen Wandsäulen des Untergeschosses,
aber gleiches Gebälk wie diese tragen. Den voll-
runden Frontsäulen des Tribunals entsprechen
korinthischen Halbsäulen an seinen inneren
Wänden, fünf Joche an der Rückseite, je zwei
an den Schmalseiten. Der Raum über dem Tri-
bunal zeigt schon außen Halbsäulen vor Pfei-
lern durch Brüstungen verbunden, die Säulen
um soviel niedriger als die anderen korinthi-
schen Wandsäulen des Obergeschosses, wie der
Giebel verlangt, den sie tragen und der sich
unterhalb der Oberglieder des allgemeinen
Wandgesimses hält (Tafel 10, oben). Wie die Ab-
bildung zeigt, ist das untere Geschoß des Tribu-
nals ganz, das obere wenigstens durch ein Eck-
joch mit Giebelansatz sichergestellt. Die Wand-
architektur, welche das Tribunal einrahmt, setzt
sich auf den Langseiten fort, die den großen
Mittelraum der Basilika begrenzen. Auch da-
von hat Maiuri noch ein Stück aufgebaut, nicht
viel über Basishöhe des Obergeschosses, aber
genug, um die Vorstellung eines Aufbaus zu
geben, wie man ihn erwarten muß, nämlich
zweier gleichartiger Halbsäulenordnungen über-
einander, vor geschlossenen Wänden, mit über-
einstimmender Achsenteilung, Säule über Säule.
Auffällig ist lediglich, daß nur die sieben mitt-
leren Achsen der Langseiten gleich sind, die je
drei an den Enden, aber nach außen zunehmend
breiter werden und so eine Überleitung zu den
breiten Achsen der Schmalseiten bilden.
Die östliche Schmalseite zeigt im Untergeschoß
freistehende jonische Rundsäulen. Die orga-
nische Gleichartigkeit innerhalb des Bauwerks
verlangt auch darüber freistehende Säulen, so
daß eine wirkliche Säulenhalle anstatt einer
Scheinhalle entsteht, in beiden Geschossen, wie
es die Entsprechung zur Westseite verlangt. Den
östlichen Gebäudeteil nur eingeschossig anzu-
nehmen oder gar gänzlich ungedeckt, wie es in
Mau's weitverbreitetem Buche geschieht1), sehe
ich keinen Anlaß. Ganz abwegig, weil schon sti-
listisch unmöglich, ist der Vorschlag am glei-

') August Mau: Pompeji in Leben und Kunst. 2. Aufl.,
Kap. IX.

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