Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 48
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wahrscheinlich. Vielleicht könnte man sich
kleine Fenster zwischen den Wandsäulen vor-
stellen. Wären Fenster von stattlicher Form da-
gewesen, so dürften sie mit Werksteinumrah-
mung, die zu den Säulen paßte, ausgestattet ge-
wesen sein, etwa wie beim milesisclien Rathaus
oder anderen hellenistischen Architekturen. In
Pompeji gibt es solche Fenster z. B. an den
alten Eingängen der Stabianer Thermen. Aber
auch die Entscheidung der Fensterfrage mag,
wie diejenige der Verteilung von Ganz-, Drei-
viertel- und Halbsäulen, bis zur Aufstellung
einer Statistik der Werkstücke aufgeschoben
bleiben. Denn diese Entscheidung dürfte an dem
Gesamtbilde nichts ändern, daß wir an den
Enden des Gebäudes eine wirkliche Hallen-
architektur haben, auf den Langseiten eine
Scheinarchitektur, zu der jene Hallen ein-
schrumpfen, ganz so, wie es auch bei Peristylen
von Wohnhäusern in Pompeji geschieht. Wenn
hier Platzmangel dazu zwingt, an einer Seite die
wirkliche Halle aufzugeben, so wird sie auf
eine Wand mit Halbsäulen beschränkt. Als Bei-
spiel zeigen wir das Peristyl der casa dei capi-
telli figurati (Tafel 12, oben). Solche Halbsäu-
len vertreten die ganze Halle und erscheinen
nicht etwa als Entsprechung der Rundsäulen
auf deren zugehöriger Hallenrückwand — da
nimmt man andere Dinge, z, B. flache dorische
Pilaster wie in den Peristylen der casa del fauno.
Nach den bisherigen Feststellungen können wir
nunmehr die Frage nach der Bedeckung der
Basilika aufnehmen. Wir hatten uns bereits da-
für entschieden, die Eingangshalle so zu behan-
deln wie das Tribunal — als zweigeschossigen
bedeckten Bauteil. Eine Treppe, die gleicher-
weise dem Obergeschoß des Marktperistyls wie
der Basilika dienen kann, befindet sich an der
Südostecke des Gebäudes; auf der Seite des Tri-
bunals dürfen hölzerne Treppen vorausgesetzt
werden.

Der große innere Raum, von dem Geviert der
beschriebenen zweigeschossigen Hallenarchitek-
tur umgrenzt, zeigt in der Mitte aus Ziegeln
aufgemauert und bis zu einer ungefähr gleichen
mäßigen Höhe erhalten, die Stümpfe von grö-
ßeren Säulen, welche ergänzt und mit ihrem
Gebälk versehen auf etwa die gleiche Höhe mit
ihrer Umgebung kommen müßten, sie umschlie-
ßen ein Feld von elf zu drei Jochen, oder 45,4
zu 13,6 Metern an der Außenkante der Ba-
sisplinthe gemessen (die Maße alle nach Mazois

ohne Anspruch auf Genauigkeit), so daß ein
freier Umgang von etwa 4,40 Meter Breite an
allen Seiten bleibt. Der rechnerischen Möglich-
keiten der Bedeckung sind nun vier, von denen
nur eine als architektonisch unsinnig ausschei-
den muß, nämlich der Fall „Innenraum und
Umgang unbedeckt". Die zweite Möglichkeit
„Innenraum und Umgebung bedeckt" ist die
bisher von der Forschung bevorzugte gewesen.
Gegen sie spricht die Fraglichkeit ausreichen-
der Beleuchtung und die architektonische Sinn-
widrigkeit, einen vollständigen Peristylaufbau
mit einer überschüssig vorhandenen inneren
Säulenstellung durch eine gemeinsame Decke in
engste Verbindung zu bringen, störend nament-
lich vor der ausgesprochenen Fassadenbildung
des Tribunals mit seinem Giebel. Der dritte
Fall „Innenraum unbedeckt, Umgang bedeckt"
scheidet aus, weil die Innensäulen nicht als Peri-
stylsäulen aufgefaßt werden dürfen, aus ähn-
lichen Erwägungen wie beim vorigen Fall. So
bleibt die letzte Möglichkeit „Innenraum, be-
deckt, Umgang unbedeckt", und muß um so
ernsthafter erwogen werden, da sie bisher ganz
vernachlässigt worden ist. Damit gelangen wir
zur Frage der Entstehung und Entwicklung der
Basilika überhaupt.

Als das, was man später in der Basilika sah,
als ein bedecktes Forum neben dem unbedeck-
ten des offenen Marktes ist die Basilika von
Pompeji unmöglich aufzufassen. Dazu nimmt
sie einen zu kleinen Bruchteil des Marktraumes
ein. Sie ist vielmehr baulich gleichwertig mit
anderen Nebenanlagen des Marktes wie etwa
dem Macellum diagonal gegenüber. Die Be-
nutzung eines gedeckten Gebäudes an Stelle des
Forums bei schlechtem Wetter kommt also hier
nicht als Zweck der Anlage in Frage. Es wäre
sogar durchaus erlaubt, den Bau offen zu den-
ken, als ein Peristyl wie alle anderen mit Pro-
pylon (Chalcidicum) und Räumen besonderer
Bedeutung gegenüber. Das Peristyl wäre dann
hier zu einer Scheinarchitektur geworden, Folge
eines engen Bauplatzes zwischen zwei Straßen
und des Wunsches, den vorhandenen Raum
nicht zu schmal zu proportionieren, sondern
in einem immer noch harmonischen Verhältnis
von 2:5. Wie sich das Gebäude ohne die inne-
ren Stützen darstellt, zeigt die Rfekonstruktion
(Tafel 11, oben). Es bedarf keines Wortes dar-
über, daß nunmehr der Aufwand an Architek-
tur, der für das Tribunal gebraucht wurde,

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