Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 49
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wirklich zur Geltung kommt, während die
schweren Säulen mit ihrem groben Maßstabe in
der Tat eine erhebliche Beeinträchtigung der
vornehmen Fassade bedeuten. Nicht ohne guten
Grund hat ja auch Vitruv in seiner Basilika, von
der wir noch sprechen werden, vor dem Tribu-
nal die hohen Innensäulen weggelassen. Auch
die jetzt etwas beengte Aufstellung eines Reiter-
standbildes vor dem Tribunal hätte keine
Schwierigkeit mehr. Der Ausgleich der Achsen
in den Ecken der Wandarchitektur hat eigent-
lich nur Bedeutung in einem freien Raum, des-
gleichen etwaige Ausgestaltung der Langseiten-
mitten mit besonderen Säulen im Obergeschoß,
deren Möglichkeit wir oben erwähnten.

An den Innenstützen fällt Technik und Mate-
rial auf, die Ziegeltechnik, während hier sonst
die freistehenden Architekturglieder aus Tuff
gemacht sind — und große Tuffsäulen gibt es ja
sonst genug in Pompeji. Ferner fällt auf, daß
sich die Innensäulen nach den Wandsäulen rich-
ten und die Verschiedenheit der Joche an den
Langseiten mitmachen (vier verschiedene Joch-
weiten). Im Innern, wo die mächtigen Säulen
alles übertönen, ist diese Rücksichtnahme gar
nicht zu verstehen (Tafel 11, unten). Wären die
großen Säulen von Anfang an dagewesen, so
wären sie der maßgebliche Teil geworden, und
man hätte eher die Wandsäulen nach ihnen ein-
richten dürfen. Schließlich bleibt der Erhal-
tungszustand eigentümlich -—• bei allen Innen-
säulen die ähnliche Höhe der Stümpfe und das
vollständige Fehlen aller oberen Teile des Auf-
baus, wo doch sonst so manches aus gleicher
Höhe der Basilika stammend erhalten ist. So
darf man sich vielleicht sogar vorstellen, daß die
Säulen bei der Zerstörung Pompejis gerade im
Bau befindlich waren -— ob zum erstenmal oder
zur Beseitigung des Erdbebenschadens von 63 n.
Chr. mag dahingestellt bleiben, immer unbe-
schadet der umgebenden Wände! Man holte da-
mit in Pompeji wohl eine Einrichtung verspätet
nach, die anderen Basiliken während des zwei-
hundertjährigen Bestehens der pompejanischen
als Neuerung längst eingeführt sein konnte.
Jedenfalls hätte man in einen offenen Hof nach-
träglich einen Monopteros hineingestellt, dem
Sinne nach ähnlich wie bei einem Macellum,
wie in Pompeji1) oder Puteoli, und auf Wand-
bildern zweiten Stils (Tafel 10, unten). Nur wäre
der Monopteros aus Gründen der Benutzung
') Vgl. z. B. bei Mau a. a. O. Abb. 41.

größer gewesen als bei den angeführten Bei-
spielen. Der größte Teil des Hauses wäre damit
überdacht, ohne daß die Einwände erhoben wer-
den können, die gegen die vollständige Be-
deckung sprechen. Eine vorhandene Wasser-
anlage läßt sich nicht dagegen anführen, da sie
überdeckt und von außen hereingeführt ist.
Man hat sich immer gewundert, die Basilika von
Pompeji, deren Name und Bedeutung inschrift-
lich sichergestellt ist, so ganz anders zu finden,
als man sich eine Basilika sonst vorstellt, nament-
lich fehlt ja die Überhöhung des Inneren gänz-
lich! Indessen bei dem Entwicklungszustande,
den unsere Basilika vertritt, und der älter ist,
als der bei Vitruv erscheinende, muß der Ge-
danke der Überhöhung auch noch ganz fern
liegen — immer unsere Deutung vorausgesetzt.
Aber mit dieser Deutung bekommen wir endlich
einen folgerichtigen Entwicklungsgang. Sehen
wir einmal Vitruvs Basilika im Fanum an, in
einer Herstellung, die unabhängig von dem hier
ausgeführten Gedankengang ist, die Herstellung
Sackurs1) nur mit einigen notwendigen stilisti-
schen Veränderungen, die lediglich die italische
Formensprache einführen wollen (Tafel 12, un-
ten). Auch in Vitruvs Basilika ist unverkenn-
bar die innere Säulenstellung ein selbständiger
Bauteil, d. h. ein Monopteros mit eigenem Dache.
Aber nun wird der Schritt über Pompeji hinaus-
getan: von den umgebenden Mauern wird die
Verbindung zu den Innensäulen gesehlagen, eine
Verbindung, deren Nachträglichkeit in die Augen
fällt, gewaltsam, unorganisch, häßlich, wie sie
ist, und es wird nun Sache der nächsten Ent-
wicklung, die neue Verbindung harmonisch,
innerlich begründet, erscheinen zu lassen. Stark
zu betonen ist aber, daß erst diese Verbindung
zur Überhöhung zwingt: ein Schritt, der an sich
nicht neu, sondern im ägyptischen Saal schon
längst getan war und von da zu älteren ägyp-
tischen Bauten verfolgt werden mag. Aber dieser
Schritt — und das wollten wir zeigen — ist nicht
der ursprünglichste und bedeutsamste. Das ist
die innige Verschmelzung von Monopteros und
Peristyl, derjenigen Elemente, die im offenen
Markt gegeben waren und sich allmählich zu-
sammendrängten, bis kein offener Marktraum
mehr übrig war und an Stelle des peristylen
Hofes ein gedecktes Gebäude entstand, die an-
tike Marktbasilika. F. Krischen

') W. Sackur: Vitruv und die Poliorketiker (Berlin 1925),
S. 150 ff., Abb. 65.

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