Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 50
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NYMPHÄEN,MAUSOLEEN,BAPTISTERIEN

Probleme der Architekturgeschichte
Von Paul S ty g er, Rom

Seit dem vierten Jahrhundert, der klassischen
Epoche des christlichen Kirchenbanes, finden wir
in Italien, aber auch im Orient und in den Pro-
vinzen, stereotype zweigeschossige Rundbauten,
mit Kuppeln und Absiden, in unmittelbarer Nähe
der Basiliken, oft mit ihnen durch einen Portikus
oder Hallengang verbunden. In allen Dimensio-
nen und Stilrichtungen wiederholt sich dieser
Typ auffällig häufig, mindestens ein Jahrtausend
lang, bis tief in das gotische Zeitalter hinein.
Zweifellos muß ein so konstantes Gebilde seine
besondere Geschichte haben. Wir sind gewöhnt,
an Mausoleen oder Baptisterien zu denken, je
nach Umständen, sehr oft sogar an beides zu-
sammen. Aber gibt es wohl in der praktischen
Bestimmung eines Raumes größere Widersprüche
als bestatten und taufen? Darf man dem Men-
schen des Altertums, mit seiner tiefen Scheu
vor allem, was irgendwie mit Leichen in Berüh-
rung stand, ohne weiteres zumuten, daß er
die Zeremonien des Lebensquells absichtlich in
modrige Grabmäler verlegte? Da wären sehr
solide Beweise, auch kultischer Art, nötig. Dies
zum vornherein.

Es muß aber eine Lösung auf architektur-
geschichtlichem Wege geben: Die verwickelte
Frage des Ursprungs, der Entwicklung und Be-
deutung dieser rätselhaften Zentralbauten läßt
sich gar nicht anders erfassen, als durch syste-
matische Aufnahmen des vorhandenen und
irgendwie überlieferten Bestandes in den drei
alten Weltteilen.

Für die Geschichte und Ästhetik der antiken
Baukunst tut sich ein Gebiet von reichster Kul-
tur und ungeahnten Zusammenhängen auf. Die
Zahl dieser merkwürdigen Rundbauten ist Legion.
Schon darum kann hier eine umfassende Dar-
stellung nicht in Frage kommen. Vielleicht ver-
mag ein Streifzug wenigstens den ersten Einblick
zu vermitteln.

Ausgrabungen und Funde bringen immer mehr
zweigeschossige Grabstättenmit zentralem Grund-
riß, Hängekuppel und Absiden oder Exedren
zum Vorschein. Datierte Monumente zeigen,
trotz aller Mannigfaltigkeit der Größenverhält-
nisse und der dekorativen Ausstattung, ein über-
liefertes Schema, das unter allen Umständen, von

den höchsten Leistungen bis hinab zu den Nach-
ahmungen des Kleinhandwerkes, zähe beibehal-
ten ist.

Am bekanntesten ist bisher wohl das Pracht-
mausoleum der christlichen Kaiserfamilie in
Rom, Santa Costanza, neben der Agnesbasilika,
an der Via Nomentana, um die Mitte des 4. Jahrh.
von der Tochter Konstantins des Großen erbaut
(Grundriß Abb. 1). Es ist ein doppelgeschossiger
Rundbau, dessen unterer Teil aus dem tonnen-
gewölbten Rundgang und dessen oberer aus
einem Tambour mit Kuppel besteht, der sich
auf die Rundbogenstellung von zwölf Säulen-
paaren stützt. In den Mauern des Umganges sind
runde und eckige Nischen für Sarkophage und
Statuen ausgehauen. Vor dem zangenförmigen
Eingang dehnt sich ein breites Atrium aus. Die
ganze Anlage, mitten in einem ausgedehnten
Gräberfeld des 4. Jahrh., hat rein sepulkralen
Ursprung. Nachweisbar bis zum 15. Jahrh. stand
der große Porphyrsarkophag, in dem die Kai-
sertochter Konstantina ruhte, an seinem Platze
in der Hauptnische. Auch der eschatologische
Charakter der Mosaiken, besonders die Gerichts-
darstellung, läßt die Möglichkeit einer anderen
Deutung gar nicht aufkommen.

Ähnlich und gleichzeitig, wenn auch weniger
großartig ist das Mausoleum der Helena über der
Katakome „in comitatu" an der Via Labicana zu
Rom. Ob die Kaiserinmutter das Grabmal noch
zu Lebzeiten für sich und ihre Kinder erstellen
ließ, oder ob es ein Werk ihres großen Sohnes
ist, bleibt ungewiß. Die heutige Ruine (Tor Pig-
nattara) läßt einen doppelgeschossigen Rundbau

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