Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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mit acht Nischen in der massiven Umfassungs-
mauer erkennen.

Die Überreste ähnlicher römischer Prachtmau-
soleen reicher Christen der ersten Friedenszeit
sind in der Nähe berühmter Märtyrergrüfte an-
zutreffen, so besonders neben der Apostelkirche
an der Via Appia (San Sebastiano), mit datier-
ten Grabinschriften aus dem 4. und 5. Jahrh.
Ein Teil dieser Bauten lehnt sich an den Typ
von S. Costanza mit Zangenatrium und aus-
gehauenen Sarkophagnischen, während andere
einen Kranz von Außenabsiden bilden oder sich,
infolge der angebauten viereckigen Exedren und
Säulenportiken, der Kreuzform nähern. An der
Yia Appia, oberhalb der Prätextatkatakombe,
sind beide Gattungen dicht nebeneinander ver-
treten. Über dem Kallistcoemeterium erheben
sich die berühmten Cellae trichorae: Dreiabsi-
denräume in Kreuzform mit Vorhalle.

Bei der Petrusbasilika im Vatikan standen die
zwei Mausoleen des theodosianischen Kaiser-
hauses: massive Rotunden mit quadratischen
Exedren und Kuppeldächern. Römische Veduten
des 16. Jahrh. zeigen den einen Rundbau hinter
dem Obelisken1).

Selbst unterirdische Grüfte sind in dieser Form
angelegt und es ist gar nicht übersehbar, wie
viele solcher Monumente in den ausgedehnten
Friedhofanlagen über den Katakomben der Zer-
störung anheimgefallen sind.

Wie kam es, daß diese Mausoleen so beliebt
waren?

Zunächst handelt es sich natürlich nicht um eine
Erfindung christlicher Architekten. Schon die
vornehmsten altrömischen Grabmäler sind dop-
pelgeschossige Zentralbauten mit Nischen und
Exedren. Um nur wenige der bekanntesten Bei-
spiele zu erwähnen: das Denkmal des Romulus
Augustulus „in catacumbas" an der Via Appia,
aus dem Anfang des 4. Jahrh.; dann das Mau-
soleum der gordianischen Kaiserfamilie (238 bis
244) beim zweiten Meilenstein der Via Prene-
stina. Aus dem 2. Jahrh. stammt eines der
größten Totenmonumente, dasjenige des Kaisers
Hadrian (Castell S. Angelo): ein zylindrischer
Aufsatz über einem grandiosen quadratischen
Unterbau. An der Via Tiburtina besaßen die
noblen Plautier im 1. Jahrh. ihr Denkmal in
Form des üblichen zweistöckigen Rundbaues und

i) Kgl. Kupferstichkabinett Berlin Skb II fol. 7 und 5J.
Federzeichnungen des Marten van Heemskerke 1498 bis
1574.

zu Anfang der Kaiserzeit erbaute Augustus zwi-
schen der Via Flaminia und dem Tiberufer das
prächtige dynastische Monument auf hoher Süb-
struktion mit zwölf peripherisch angeordneten
Grabkammern und einem Obergeschoß in der
Form eines Erdhügels, den zwei konzentrische
Mauerringe umfaßten. Auch die republikanische
Zeit weist bedeutende Repräsentanten auf, wie
das Grabmal der Caecilia Metella an der Via
Appia. Wir kämen bald bis zu den etruskischen
Tumuli in Vulci, Cortona, Cerveteri usw., ohne
den Ursprung der uralten zentralen Grabanlagen
auf italischem Boden erreichen zu können.
Dieser Stammbaum hat so tiefe Wurzeln, daß
das Gesetzmäßige in der ganzen Vererbungsreihe
nicht mit Jahrhunderten sondern mit Jahrtausen-
den zu messen ist.

Wenden wir uns zu den frühmittelalterlichen
Prachtmausoleen, so muß uns das treue Fest-
halten am traditionellen Typ auffallen. Seit dem
4. Jahrh. pflanzt sich die Reihe in allen Ländern
fort.

Auf dem höchsten der sieben Hügel von Byzanz,
der neuen Welthauptstadt des römischen Reiches
am Bosporus, errichtete der Kaiser Konstantin
einen kreuzförmigen Kuppelbau, das Aposto-
leion und daneben sein eigenes Grabmal in der
nämlichen Gestalt. Um die Mitte des 6. Jahrh.
wurde es von Justinian nach der alten Vorlage
neu erbaut. Auf Grund ausführlicher Beschrei-
bungen gelang es, treffliche Rekonstruktionen
herzustellen1).

Zu betonen ist aber, daß die Kaisergräber eigent-
lich nicht als Annexe eines den Apostelreliquien
geweihten Heiligtumes aufgeführt wurden, son-
dern daß umgekehrt für die Hofgrüfte das Apo-
stoleion entstand, denn dies entsprach der herr-
schenden Idee der damaligen Märtyrerverehrung
und besonders dem Glauben an die Fürbitte der
Apostel beim Seelengericht. Auf Sarkophagen
und Arkosolien der Grabkammern ist nicht um-
sonst die Gerichtsszene mit den zwölf Advokaten
so oft dargestellt. Auch Konstantin hatte diesen
Gedanken gefaßt; nur konnte er ihn besser als
andere Sterbliche ausführen und die Apostel-
leiber direkt neben seiner letzten Ruhestätte
beisetzen.

Nicht nur auf römischem Boden und im Orient

1) C. Bricarelli, S, Marco di Venezia e l'„Apostoleion" di
Constantinopoli, Civiltä Cattolica 1915, vol. 4, S. 147;
422 —- 1916, vol. 1, S. 24. —- Vgl. auch A. Heisenberg,
Grabeskirche und Apostelkirche, Leipzig 1908.

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