Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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verbreitete sich dieser Bautypus der Prunk-
gräber, sondern frühzeitig sogar im christlichen
Afrika. In Tipasa, im zäsareischen Mauretanien,
begegnet uns der gleiche Rundbau mit dem
Tambour auf Säulenarkaden, als ob das römische
Mausoleum der Konstantina zum Vorbild ge-
dient hätte. Nur sind, statt der Absiden in den
Mauern des Rundganges, Arkosolien angebracht1).
Nach dem Untergang des römischen Reiches
pflanzte sich die traditionell bleibende Form
bis ins Mittelalter hinauf fort. Weitaus die Groß-
zahl solcher Denkmäler fiel zwar der Zeit zum
Opfer. Der Rest ist nur durch besonders gün-
stige Umstände und in wenigen massiven Exem-
plaren erhalten.

Das Mausoleum des Gotenkönigs Theoderich,
vor den Toren Ravennas, aus dem Jahre 520,
leitet offenbar von der römischen Spätantike
zur Völkerwanderungszeit über und vermittelt
die altgewohnte Form des Südens den jungen
nordischen Völkern. Ein Rundbau mit zehn-
eckigem Grundriß und überhöhtem Tambour
trägt eine flache Kuppel aus istrischem Kalk-
stein, dessen zwölf Henkel bezeichnenderweise
nach den Aposteln benannt sind.

Das Grabmal der Galla Placidia in Ravenna
greift wieder auf die verwandte Kreuzform
zurück, indem es die zentrale Konstruktion,
der Exedren wegen, in die quadratische über-
setzt. An den überhöhten Mittelraum schließen
sich vier große Nischen mit Tonnengewölben,
deren erste als Eingang und die anderen zur
Bergung der Sarkophage dienen. Das Ganze war
in der zweiten Hälfte des 5. Jahrh. an den
Narthex der Heiligkreuzkirche angebaut und
den Reliquien der Märtyrer Nazarius und Celsus
geweiht.

San Vitale in Ravenna ist im Typ eines doppel-
geschossigen Zentralbaues aufgeführt, daher
als Grabmonument gedacht. Die reichere Aus-
stattung und selbst die Emporen, die ja auch
im Apostoleion von Konstantinopel vorhanden
waren, ändern am Wesen des Grundplanes nichts.
Dieser besteht aus einem achteckigen Umgang
mit kuppelüberwölbtem Tambour und durch-
brochenen Absiden, die eine zweistöckige Säu-
lenhalle bilden.

Um dieselbe Zeit, im 6. Jahrh., oder nicht viel
später, ist auch San Lorenzo Maggiore, außer-

') O. Grandidier, Deux monuments funeraires ä Tipasa,
Atti del II congresso di Archeologia cristiana, Roma
1900, 51.

halb der Mauern der alten Stadt Mailand, ent-
standen. Die Anlehnung an San Vitale ist un-
verkennbar, denn es handelt sich um den glei-
chen doppelgeschossigen Zentralbau mit Nischen
und Emporen. In der Folge wurden kleinere
Mausoleen für Märtyrerreliquien und vornehme
Grüfte angebaut. Ein Marmorsarkophag steht
heute noch an seinem alten Platze; somit ist
die sepulkrale Bestimmung gesichert.

Es wäre noch eine große Zahl ähnlicher Monu-
mente in Italien aufzuzählen, aber wir müssen
jene Linie, die nach dem Norden abzweigte, ver-
folgen. Der bedeutendste noch erhaltene Bau
dieser Art ist zweifellos die Palastkapelle Karls
des Großen in Aachen, die zwischen 796 und 804
ausdrücklich zu dem Zwecke errichtet wurde,
das kaiserliche Grabmal zu werden. Das Schema
des doppelgeschossigen Zentralbaues, mit Empo-
ren und Umgang, zeigt eine so unverkennbare
Verwandtschaft mit San Vitale, daß man von
einer direkten Nachahmung spricht. Aber viel-
leicht wäre es besser, den allgemein herrschen-
den Typ der antiken Mausoleen in Rechnung
zu setzen, ohne sich vom zufällig sehr lücken-
haften Bestand der Denkmäler beirren zu lassen.
Hingegen ist es wahrscheinlich, daß in der
romanischen Stilperiode manche nordische Kon-
struktionen nach dem weithin berühmten Muster
des großen Franken erstellt wurden; so z. B. der
Rundbau der St. Michaelskirche in Fulda, un-
gefähr im Jahre 820.

Wie nützlich sich die architekturgeschichtliche
Betrachtungsweise gerade auf diesem Gebiete
erweist, zeigt eine neuere Ausgrabung auf dem
Wawel in Krakau. Dort kam im Jahre 1917, in
den alten Verbauungen des Schlosses, die Ruine
eines Rundbaues, ungefähr aus dem 10. Jahrh.,
mit vier Absiden und einem zangenförmigen
Atrium zum Vorschein (Abb. 2 und 3). Die
Auslegungen befaßten sich mit den widerspre-
chendsten Ansichten, vom heidnischen Tempel
bis zum christlichen Baptisterium. Die nahe-
liegendste, aus der Lage auf dem alten Friedhof
neben der Kathedrale und aus der traditionellen
Form geradezu einzig gegebene Idee vom Mau-
soleum, kam nicht in Frage1).

Aber neben der alten Bausitte wird noch ein

1) A. Szyszko-Bohusz, Rotunda Swietych Feliksa i Adaukta
(Najsw. P. Maryi) na Wawelu, Rocznik Krakowski,
Tom. XVIII, S. 53—8Q. — Derselbe Z historji roman-
skiego Wawelu, Roczn. Krak. Tom. XIX, Dodatek S. 23
bis 25. — Vgl. auch J. Strzygowski, Die Baukunst der
Armenier, Wien 1918, II, 773—774.

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