Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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christlichen Hauskirche gesehen? In den ersten
Jahrhunderten besaß die von der Didache über-
lieferte Regel, im lebenden Wasser, d. h. im
Fluß zu taufen, auch im Westen allgemeine Gel-
tung. Zu Rom geschah dies, wahrscheinlich noch
bis ins 4. Jahrh. hinein, im Tiber, wo nach der
Überlieferung auch Petrus das Sakrament ge-
spendet haben soll. Hieronymus bezeugt für
seine Zeit die Taufe am historischen Ort, im
Jordanflusse und noch im 6. Jahrh. sollen die
von Papst Gregor dem Großen nach England
gesandten Missionäre in den Flüssen getauft
haben, wie Beda erzählt1).

Wie die ältesten Taufräume in oder neben den
Hauptkirchen der christenreichen Städte des
Morgen- und Abendlandes aussahen, wissen wir
nicht. Waren es Rundbauten, Acht- und Sechs-
ecke, wie man aus der Natur ihrer praktischen
Bestimmung gerne schließen möchte? Kein
sicherer Anhaltspunkt berechtigt zur Annahme,
daß ihre Form den antiken Baderäumen mit
Absiden nachgebildet war. Zu viel Wesens ist
auch mit dem sogenannten Nymphäum der Lici-
nier, bekannt unter dem Namen Minerva Medica,
gemacht worden (Abb. 4). Dieses römische Deka-
gon mit Absiden und Kuppeldach, entstand um
die Mitte des 3. Jahrh. in einem Gebiet außer-
halb der servianischen Stadtmauer, wo sich da-
mals Parkanlagen ausdehnten und wo Grab-
mäler vornehmer Herrschäften nichts seltenes
waren. Ein Übergang von Springbrunnen und
Badeanlagen zu Baptisterien läßt sich architek-
turgeschichtlich durchaus nicht konstruieren.
Dazu müßte uns irgend ein altchristliches Tauf-
gemach zumindest aus der ersten Friedenszeit
bekannt sein. In den Katakomben ist nichts der-
artiges zu entdecken, so voreilig manch ein Was-
sertümpel mit dieser unverdienten Ehre bedacht
wurde. Niemand weiß, wie das Baptisterium des
Papstes Damasus (366—384) in der alten Peters-
kirche aussah und selbst die ursprüngliche Form
des Taufgemaches neben der Lateranbasilika ist
unbekannt. Papst Sixtus III (432—440) ließ es
vollständig umbauen. Der Verfasser des Liber
Pontificalis, der im 6. Jahrh. eine ausführliche
Beschreibung lieferte, sah natürlich die zweite
Anlage, die er für konstantinisch hielt. Die
neueren Ausgrabungen haben unter dem Fuß-
boden ältere Räume freigelegt, die mit einem
Rundbau nichts zu tun haben.

Ziemlich frühzeitig mögen auch in norditalischen
') Hist. Angl. II c. 16.

Städten sechs- und achteckige Baptisterien ent-
standen sein, aber die alten sind heute gänzlich
verschwunden, wie z. B. das mailändische bei
der Kirche der hl. Thekla. Andere sind viel spä-
ter umgebaut worden, so in Florenz, Pisa, Pistoia,
Siena, Cremona, Parma, aber nur weil schon
ältere da waren. Vollkommene Neuerrichtungen
um das Jahr Tausend herum sind schon deshalb
unwahrscheinlich, da ungefähr im 6. Jahrh. im
Okzident an Stelle des Untertauchens (Immer-
sion) beim Taufritus das Übergießen (Infusion)
Platz zu greifen begann. Im Norden sind seit der
merowingischen Periode keine isolierten Bapti-
sterien feststellbar. Auf dem Klosterplan des
9. Jahrh. von St. Gallen erscheint z. B. das Tauf-
becken in der Kirche selbst.

Man darf sich also nicht verleiten lassen, überall
Baptisterien zu sehen, wo immer ein Rundbau
auftaucht. Verwechslungen sind häufig, umso-
mehr, da es früher vorkam, daß alte christliche
Mausoleen, mit Absiden für Sarkophage, aus
irgendeinem Grunde ihre ursprüngliche Bestim-
mung einbüßten und, da sie gerade neben den
Basiliken standen, in Taufhäuser umgewandelt
wurden. Ein typischer Fall ist in Neapel nach-
weisbar. Die Taufkirche San Giovanni in Fönte
stand ursprünglich isoliert neben der Kathe-
drale, die nach Angabe des Liber Pontificalis
eine konstantinische Stiftung gewesen sein soll.
Der quadratische Bau geht in ein Oktogon über
mit gewölbten Ecknischen und trägt eine flache
Kuppel. Die alten Mosaiken, aus dem 5. Jahrh.,

Abb. 4. Grundriß der Minerva Medica in Rom

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