Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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YITRUV UND DER DEUTSCHE KLASSIZISMUS

C. F. Schinkel und F. Weinbrenner
Von Hellmut Delius, Berlin

Anläßlich der Wiederkehr des 150. Geburtstages
von C. F. Schinkel im Jahre 1931 erschien zu
der vom Architekten- und Ingenieur-Verein Ber-
lin in der Nationalgalerie Berlin veranstalteten
Ausstellung klassizistischer Baukunst ein von
Leo Adler redigierter Schinkel-Almanach, in
dem Bodo Ebhardt unter der Überschrift „Schin-
kel und Vitruv" dazu anregen will, das Ver-
hältnis Schinkels zu Vitruv näher zu unter-
suchen. Ebhardt begründet diese „Anregung"
damit, daß der Klassiker Schinkel seine edelsten
Bauwerke nach den Regeln und den Lehren
Vitruvs errichtet habe, daß Schinkel zweifellos
das Werk des Vitruv kannte, und daß Schinkels
Lehrer Gilly und Schinkels Nachfolger ohne die
Lehren Vitruvs in ihren Leistungen nicht vor-
stellbar seien. Klassische Formen und antike
Grundrißgedanken seien bei Schinkel ganz im
Sinne Vitruvs vorhanden. Der Einfluß Vitruvs
auf Schinkel müsse deshalb unbedingt sehr stark
gewesen sein. Ja, Ebhardt geht sogar soweit, von
einer nahen geistigen Verwandtschaft der bei-
den Architekten zu sprechen.

Erst wenn man sich die architektonische Auf-
fassung der gesamten Schinkel-Epoche — also
Wurzel, Blüte und Nachblüte Schinkelscher
Leistung — klarmacht, d. h. die architektonische
Anschauung der Zeitspanne von etwa 1760 bis
1840 (die auch die obengenannte Ausstellung
umfaßte) prüft, kann man feststellen, ob auf
einem solchen Nährboden überhaupt eine Be-
einflussung Schinkels durch Vitruv denkbar ist.
Diese Zeitspanne von 1760—1840 umfaßt aber
zwei so gegensätzliche Auffassungen vom Wesen
der Architektur, daß von einer fortlaufenden
Entwicklung nicht mehr die Rede sein kann.
Vielmehr tut sich innerhalb dieser Zeitspanne
eine ungeheure Kluft auf, die zwei in ihren
Grundanschauungen ganz verschiedene Epochen
der Baugeschichte trennt. Die erste ist die Re-
naissance-Barock-Epoche, die zweite die klassi-
zistische, besser hellenistische oder Schinkelsche,
wie wir sie auch nach ihrem Hauptvertreter be-
zeichnen können.

Die hellenistische Bewegung nahm ihren Aus-
gang von der Entdeckung neuer und ursprüng-
licher Formen aus der Welt der griechischen

Antike. Diese Entdeckung fiel in die zweite
Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine bestimmte
Zahlenangabe ermöglichten hier die Daten für
die Veröffentlichung zweier Aufnahmewerke, die
diese Entdeckungen weiteren Kreisen zugäng-
lich machten. 1758 erschien ein französisches
Werk: Le Roy, Les ruines les plus beaux de la
Grece, 1762 das englische Werk von Stuart und
Revett, The antiquities of Athens. Der Boden
für die Aufnahme dieser Werke war seit der
Mitte des Jahrhunderts schon vorbereitet durch
den Aufschwung, den die archäologisch-philo-
logische Forschung genommen hatte. Die Ent-
wicklung knüpft sich dabei in erster Linie an
den Namen Winckelmann.

Zunächst ein besonders hervorstechendes Mo-
ment dieser Entwicklung: sie geht von der Ge-
lehrtenwelt aus und wird von ihr getragen,
nicht von den Architekten wie in der Renais-
sance-Barock-Epoche. Die Architekten stehen
durchaus im Hintergrunde, die bedeutendsten
sogar ablehnend, wie Blondel. Ebensowenig ste-
hen dabei die architektonischen Interessen im
Vordergrund. Schließlich haben auch die Archi-
tekten nicht wie in der vorhergehenden Epoche
die Formen durch eigene Arbeit gewonnen und
in Generationen weiterentwickelt, sondern sie
haben sie einfach aus den genannten Aufnahme-
werken übernommen.

Damit wurde die bisher ungebrochene Autorität
Vitruvs, die ein wesentliches Merkmal gerade
der Renaissance-Barock-Epoche gewesen war,
völlig vernichtet. Man muß sich das architek-
tonische Denken des antiken Architekten und
seine künstlerischen Ziele klarmachen, wenn
man das verstehen will. Die Quelle, aus der uns
diese Erkenntnis fließt, sind vor allem die
10 Bücher des Vitruv über die Baukunst.
Das erste Kapitel des I. Buches von Vitruv, das
die Hauptgesichtspunkte der architektonischen
Entwurfslehre enthält, wurde zwar auch von der
Renaissance-Barock-Epoche niemals in seinem
ganzen Zusammenhange richtig wiedergegeben,
weil zu einem vollen Verständnis der durch die
besondere Terminologie sehr schwer verständ-
lichen Ausführungen das philologische Vokabu-
larium der Zeit einfach nicht ausreichte. Es

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