Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 59
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beide eine völlige Abschließung von der um-
gebenden Natur durch fensterlose Mauern zei-
gen1). Anders zeigt sich hierin noch Chr. Th.
Weinlig, der sich in seinem Entwurf vom Jahre
1779 für eine maison de plaisance nicht von den
naturverbindenden Portiken an allen vier Seiten
seines Gebäudes trennen kann2).

Beim Gärtnerhaus Charlottenhof sind wir eher
geneigt, zu finden, daß es der antiken Anschau-
ung entspricht. Finden wir bei dem Schlößchen
und dem Landhaus Charlottenhof noch in sich
klar gegliederte Einzelteile — jedoch bei letz-
terem entgegen Vitruv zusammengefaßt —, aber
ohne die räumliche Verbindung mit der Natur
und ohne Auswirkung auf deren Gestaltung, so
hat bei dem Gärtnerhaus „die mannigfaltige
Gruppierung architektonischer Gegenstände, die
sich angenehm mit der umgebenden Natur ver-
schmelzen" (?!), zu einer völligen architektoni-
schen Auflösung geführt. „In einem malerischen
Stil reihen sich hier mancherlei Gedanken
(!! also keine Räume!) idyllischer Art aus der
reichen, stets ergiebigen Phantasie des erhabe-
nen Besitzers aneinander", ohne der oben ge-
schilderten durchaus und nur räumlichen Auf-
fassung antiker Villenanlagen zu entsprechen.
\'ieles ist hier Fassade, Prospekt, malerische An-
sicht; eine räumliche Verbindung von Innen-
raum und Gartenraum ist nirgends zu spüren.
Man mag Charlottenhof mit Reilstab3) „ein
wahrhaftes Juwel in der Gartenbaukunst und in
der Gartenanlage", als „das schönste Gedicht,
welches der phantasiereiche Schinkel in Stein
und Laub ausgeführt hat", bezeichnen, man
wird aber auch, scharf gesehen, von der archi-
tektonischen Haltung römischer Villenanlagen
dabei nicht reden können, nicht einmal grund-
rißlich — vgl. Tafel 15, unten. Es ist ungemein
wichtig für diese Auffassung, die die Vitruvs
ist, zu verfolgen, welche ausschlaggebende Rolle
die Säulenhalle, diese gefälligste Verknüpfung
des Drinnen und Draußen, auch städtebaulich
spielt.

Sie war das eigentlich architektonische Mittel
jeder Platzbildung und trat auch in derselben
Bedeutung bei den Straßen auf, wo architek-
tonische Absichten zu verwirklichen waren. Die

') Vgl. Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe,
Berlin.

") Vgl. Klopfer, Chr. Th. Weinlig, Berlin 1905.
3) Reilstab, Berlin und seine nächsten Umgebungen in
malerischen Originalansichten, historisch und topogra-
phisch beschrieben, Darmstadt 1855. S. 380.

Hausfassaden bildeten hier immer nur den
Hintergrund. Eine starke Ausbildung solcher
städtebaulich-räumlich aufgefaßter Straßen fin-
det sich z. B. in Timgad1), der im alten Numi-
dien 100 n. Chr. durch L. Munatius Gallus, den
Legaten des Kaisers Trajan, gegründeten Stadt.
Handelt es sich hier anscheinend um frei-
stehende Säulen vor den Hausfassaden, so war
das ursprünglichere die zusammengefaßte, fort-
laufende Säulenportikus der Einzelhäuser.

Auch Vitruv beschreibt als Platzanlage nicht
nur das durch Säulenhallen gebildete Forum,
sondern auch Plätze zum öffentlichen Gebrauch
in Verbindung mit Theatern. Der mit dem Ende
der Republik ausgebaute und bevorzugte Stadt-
teil Roms, das Marsfeld, enthielt zahllose der-
artige porticus, die dem öffentlichen Gebrauch
in weitestem Maße dienten. Wer die alte Topo-
graphie dieses Stadtteils mit architektonisch
empfänglichen Sinnen studiert, empfindet dort
geradezu eine Ankristallisation von immer neuen
Außenräumen, ein ausgesprochenes Vorwiegen
des räumlichen Denkens, sobald überhaupt archi-
tektonische Impulse eintreten. Wir fühlen Ein-
heitlichkeit in der architektonischen Vorstellung
mit den Gedankengängen Vitruvs heraus. Es ist
das die besondere Gesamteinstellung der römi-
schen Antike.

Gewiß finden sich vereinzelt auch in der Zeit
des Klassizismus noch derartige Auffassungen
vertreten, außer in dem schon genannten Ent-
wurf von Weinlig auch in den Vorschlägen
J. N. Durands (vgl. Tafel 15, oben, die nach der
deutschen Ausgabe von 1831 seiner „Precis etc."
Durands nicht ausgeführten Gegenvorschlag für
die Place Louis XV [jetzt Place de la Concorde]
in Paris wiedergibt). Über Weinbrenner wird in
dieser Hinsicht noch am Schlüsse besonders zu
sprechen sein. Derartige Ausnahmen sind damit
noch den Ausklängen der Renaissance-Barock-
Epoche zuzurechnen.

Das einzige Beispiel, mit dem Schinkel in dieser
Beziehung dem Meister Vitruv gedanklich nahe-
kommt, ist sein Museum am Lustgarten. Er
sollte hier ein Museum bauen und baute eine
porticus!1) Aber alle übrigen Bauten und Pro-
jekte Schinkels tragen nichts von diesem körper-
lich-räumlichen Empfinden des Vitruv an sich,
nichts von der daraus entwickelten städtebau-

') Vgl. A. v. Gerkan, Griechische Städteanlagen.
2) Vgl. etwa Giedion, Spätbarocker und romantischer
Klassizismus (München 1922), Abb. 46, 92.

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