Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 61
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Vitruvschen und der Schinkelschen Auffassung
liegen. Aber darum kann es sich bei der Fest-
stellung geistiger Verwandtschaft nicht handeln,
sondern nur um die Frage: Welche Auffassung
vom Wesen der Baukunst haben beide Männer
gehabt und liegt in diesen Auffassungen ein ver-
wandter Zug. Einen solchen festzustellen, ist mir
nicht möglich. Schinkel zeigt darin mit Vitruv
keinerlei Verwandtschaft. Das, was Schinkel und
sein Kreis etwa aus dem Vitruv entnommen
haben sollten, hat mit geistiger Verwandtschaft
nichts zu tun. Winckelmann spricht selbst sein
Bedenken aus, ob dieser römische maestro mura-
tore noch übersetzt zu werden verdiene. Er wirft
Vitruv „Unordnung im Entwurf seines Werkes",
„kindische Einfalt, wenig verdaute ausgeschrie-
bene Kenntnisse der Harmonie und einen
Schusterstil" vor1). Auch die Herausgabe der
10 Bücher durch August Rode/ (1796,1800,1801)
und die exegetischen Briefe über des M. Vitru-
vius Pollio Baukunst durch H. Chr. Genelli
(1801/04) ändern an dieser Tatsache nichts. Die
10 Bücher Vitruvs sind nicht das Buch des
Klassizismus gewesen.

Ebhardt behauptet: „Daß Schinkel das Werk
des großen Römers kannte, steht außer Frage2)."
Das soll nicht bestritten werden. Dagegen ist
durch nichts erwiesen, daß Schinkel die Aus-
gaben der damaligen Zeit gelesen oder benutzt
hat. In seinen zahlreichen Notizen, Bemerkun-
gen, Briefen usw. findet sich keinerlei Andeu-
tung darüber, obwohl er andere von ihm ge-
lesene Bücher zitiert oder sogar Auszüge aus
ihnen notiert. Irgendeine Stellungnahme zu Vi-
truvs Werk durch Schinkel ist zweifellos nicht
erfolgt, was seine klar erkennbare architekto-
nische Auffassung beweist. Derjenige, der von
den Architekten des Klassizismus die Antike und
damit den Vitruv in ihrem ganzen Wesen er-
kannt und erfaßt hat, war Weinbrenner. Ihm
erschloß sich die Erkenntnis subjektiv aus der
eigenen architektonischen Anschauung und aus
einem inneren Bedürfnis. Weinbrenner ist dem
Geist der Antike ungleich näher gekommen als
alle seine Zeitgenossen. Er hat sie unzweifelhaft
richtiger gesehen als seine Vorgänger und auch
als spätere Vertreter angeblich antiker Bau-
kunst, und damit auch als Schinkel. Weinbrenner
geht bei seinen Studien und Entwürfen niemals

J) Vgl. C. Justi, Winckelmann untl seine Zeitgenossen.
Leipzig 1923. S. 409 ff.

2) A. ä. 0., S. 17.

von der Fassade aus, sondern sucht die körper-
liche und die räumliche Erscheinung klar zum
Ausdruck zu bringen. Die besten Beweise dafür
sind sein Marktplatz1), seine Entwürfe für die
Kaiserstraße und für die nur zum Teil aus-
geführte katholische Kirche in Karlsruhe (vgl.
Tafel 16, unten).

Die Gedankenverbindung, die Bodo Ebhardt an-
regt, kann deshalb nur lauten: Vitruv und Wein-
brenner.

Ganz im Gegensatz zu Schinkel ist für Wein-
brenner — wie für die Architekten der Renais-
sance-Barock-Epoche -— das Werk Vitruvs „viel-
fältig die Grundlage unseres Wissens. Es dient
nebst den architektonischen Denkmälern der
Griechen und Römer als Erkenntnisquelle, um
die rechte Ansicht der Architektur der Alten
daraus zu schöpfen und die wahren Grundsätze
zu entwickeln"2). Weinbrenner folgt daher auch
in den architekturtheoretischen Auslassungen
seines Lehrbuchs ganz dem Vitruv in den Be-
griffen der Entwurfswertung (Eurythmie), in
der Proportionslehre und in den Forderungen
an die Architektenbildung. Seine tiefe und klare
Erkenntnis bewahrt ihn davor, die Säulenord-
nungen als etwas Unabänderliches, als ein Kri-
terium anzusehen, ein Irrtum, der nach seiner
Ansicht der großen Autorität Vitruvs zuzu-
schreiben ist. Er warnt vielmehr eindringlich
vor der formalen Überschätzung der Säulenord-
nungen: „. . . der Himmel bewahre jeden Staat
vor solchen Baumeistern, die bei ihren Ent-
würfen die Säulenbücher als maßgebend auf dem
Zeichentische liegen haben müssen . . ."3).
Weinbrenner war sich viel mehr wie Vitruv ganz
darüber klar, daß eine derartige Typisierung
durch Proportionsangaben, durch die in der
Formen- und Gebäudelehre alle Gegenstände
der Betrachtung durch die nach Gebrauch, Sitte
und Anschauung ihnen zukommenden Propor-
tionen charakterisiert sind, niemals zu einer
Schematisierung des Entwerfens führen dürfe.
Man wird deshalb niemals das architektonische
Denken Weinbrenners erfassen, wenn man sich,
wie W. Herrmann4), nur an die „Formenwelt"
Weinbrenners hält. Wir müssen uns endlich von

') Vgl. Giedion, a. a. 0., Abb. 76, 84, 98.

") Fr. Weinbrenner, Architektonisches Lehrbuch. I. Teil,

S. VI. Tübingen 1810.

3) Fr. Weinbrenner, Zur Kritik eines Miniatur-Mahlers
über einige künstlerische Gegenstände. Karlsruhe 1817.

4) W. Herrmann, Deutsche Baukunst des XIX. und
XX. Jahrh. Bd. I. Jedermanns Bücherei. Breslau 1932.

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