Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 62
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dieser durch die baugeschichtliche Wissenschaft
iu die Beurteilung architektonischer Erschei-
nungen hineingetragenen Maßstab freimachen,
wenn wir zur wahren Erkenntnis architektoni-
schen Denkens gelangen wollen. So vermag auch
Herrmann in entwicklungsgeschichtlicher und
formalistischer Betrachtungsweise dem Wirken
Weinbrenners nicht gerecht zu werden und
kommt zu falschen Urteilen: „Weinbrenners
Begabung ... ist nicht tief und groß, seine Phan-
tasie nicht ursprünglich genug . . (S. 50) oder
. . . „seinen Ruhm als Baumeister verdankt er
mehr der Einzigartigkeit dieser Aufgabe (Stadt-
erweiterung Karlsruhe) als seinem Talent . . ."
(S. 49).

Gerade für Weinbrenner ist es bezeichnend, daß
er sich von der spekulativen, formalistischen
Kleinproblematik seiner Zeit und der nachfol-
genden Periode so ganz ferngehalten hat. Alles
falsche Fassadenwesen ist ihm so fremd wie der
Antike. Ihm kam es nicht, wie Herrmann meint,
„auf eine rein formale Erscheinung" an (S. 51),
sondern gerade nur darauf, die körperliche und
plastische Erscheinung zum Ausdruck zu brin-
gen. Nur so sind seine städtebauliche Erweite-
rung des Karlsruher Planes, sein Entwurf für
die Kaiserstraße und alle seine Bauten zu ver-
stehen. Wenn er eine Säulen- oder Pfeilerhalle
(porticus) anwendet, so geschieht es nur, um
den räumlich-körperlichen Zusammenhang zwi-
schen Gebäuden und Außenraum herzustellen,
und ganz im Sinne antiken, architektonischen
Denkens. In seiner klaren Erkenntnis dieses Den-
kens ist er darum der letzte große Architekt der
Renaissance-Barock-Epoche. Von einem „trok-
kenen Akademismus" wie Herrinann will, kann
dabei keine Rede sein.

Es war bei der Verwirrung der architektoni-
schen Auffassung, die der Hellenismus mit sich
brachte, kein Wunder, daß bereits zu Lebzeiten
Weinbrenners die Kritik seines Schaffens ein-
setzte. Schinkel, von dem nach den obigen Aus-
führungen eine tiefere Erkenntnis nicht zu er-
warten war, spricht gelegentlich seiner Reise
durch Baden darum nur von der „ungeschickten
Architektur" Weinbrenners. Dieser dagegen
äußert sich in einem Briefe an Joh. Ludwig
Kübler vom 6. 3. 1821: „Obgleich wohl Herr
Schenkel (Schinkel) unter die erste schön
Zeichner gezählt werden kann, so sollte er
aber kein Bauprojekt entwerfen, indem er durch
dieselbe zu erkennen gibt, daß er von dem

wahren Studium der Baukunst wenig oder gar
nichts versteht1)."

Es ist eine Folge der Verkennung der Grund-
lagen architektonischen Denkens und der Über-
wucherung dieses Denkens durch eine forma-
listische-archäologische Problematik, daß in den
sogenannten „Kunstgeschichten" eine ihrer Be-
deutung entsprechende Würdigung der Persön-
lichkeit Weinbrenners nicht anzutreffen ist. Und
es ist ebenso bezeichnend, daß anläßlich des
100. Todestages von Weinbrenner im Jahre 1926
nicht eine einzige Architektur-Fachzeitschrift es
für nötig gehalten hat, der wirklichen Bedeu-
tung Weinbrenners Ausdruck zu verleihen, wäh-
rend sich die Architektenwelt in dem mit der
Person Schinkels getriebenen Kultus vielfach
nicht zu lassen weiß.

So sehr Weinbrenner die Erkenntnis der Grund-
lagen architektonischen Denkens mit der Renais-
sance-Barock-Epoche teilt, so trennt ihn doch
andrerseits etwas von dieser Zeit: Die Grund-
lagen Weinbrenner'scher Kunst stammen aus
dem Rom Winckelmanns und haben ihre Wurzel
in der großen geistigen Bewegung am Ende des
18. Jahrhunderts. Wie in dieser geistigen Bewe-
gung Deutschland eine führende Rolle über-
nahm, so war auch die deutsche Kunst in der
Architektur des Klassizismus nicht nur selb-
ständig, sondern führend. Gerade in der Wein-
brenner'schen Kunst ist das deutsche Element
führend geworden gegenüber der Renaissance-
und Barockzeit. Der unter dem Einfluß huma-
nistischer Ideen innerlich gewandelte deutsche
Mensch empfand die Renaissance- und Barock-
anschauung der Antike mit dem architektonisch
übersteigerten Ausdruck ihrer Fassaden als im
Widerspruch stehend zu seinem eigenen Wesen.
Er suchte und fand eine andere seiner Anschau-
ung entsprechende Stellung zur Antike. Das war
der Weg Weinbrenners, auf dem ihm Vitruv der
Führer war.

Es ist das Schicksal großer Männer, am Ende
einer Epoche zu stehen. Weinbrenners Bedeu-
tung geht weit über die lokale Bedeutung der
Schöpfung Karlsruhes hinaus. Zum Wesen des ge-
nialen Menschen und seines Schaffens gehört seine
Zeitlosigkeit. Deshalb wird sich uns Das Problem
Weinbrenner auch immer wieder in den Weg
stellen, wenn es sich um die grundlegenden Fra-
gen der Baukunst handelt. Hellmut Delhis

') Valilenaire, Fr. Weinbrenner, Briefe und Aufsätze,
S. 108 (Karlsruhe 1926).

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