Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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NEUZEITLICHE FRAGEN DER ERFORSCHUNG ANTIKER

BAUWERKE

Klassische Baukunst in neueren Schriften
Von Willy Zschietzschmann, Berlin

Der Betrachter antiker Bauwerke und ebenso der
Bauforscher ist gegenüber demjenigen, der sich
mit der Baukunst beschäftigt, die seit dem Aus-
gange des Altertumes entstanden ist, in einem
bestimmten Punkte im Nachteil: kaum einen
antiken Bau kann er wirklich so betreten, wie
ihn der Erbauer und seine Zeitgenossen betra-
ten; welcher griechische Tempel, und wenn es
der besterhaltene von Sizilien oder das Theseion
in Athen ist, übt heute noch seine ursprüngliche,
Wirkung? Den italischen Tempeln fehlt das
Dach, die Cellamauer, die Decke über dem Um-
gang, die Farbe; das Theseion betritt man von
der Seite, die einstige Türwand ist abgebrochen,
als Decke eine moderne Tonne eingezogen und
der letzte Rest von „Raumwirkung" ist neuer-
dings vernichtet worden durch eingelassene hohe
Betonklötze, die bescheidenen und abseitigen
Skulpturen als Sockel dienen. Einzig Bauten
wie das Pantheon oder die Hagia Sophia kann
man betreten wie eine frühchristliche Basilika,
einen mittelalterlichen Dom, einen Renaissance-
palast. Alles übrige aber liegt am Boden, es ste-
hen allenfalls noch Fundamente, unterste Schich-
ten, einzelne Säulen. Da Baukunst jedoch zuerst
und zuletzt Raumkunst ist, die antiken „Räume"
aber verschwunden sind, nur aus den Resten er-
schlossen werden müssen, so ist der Erforscher
gerade dieser Bauwerke einzig auf seinen Scharf-
sinn, seine Phantasie angewiesen, will er Raum-
wirkungen, Raumkonstruktionen verstehen und
deutlich machen, und nicht auf seine Erfahrung
wie der Historiker neuerer Kunst.

So kommt es, daß der Forscher noch immer fast
ausschließlich mit der Herstellung des einstigen
Zustandes durch Beschreibung und Skizze be-
schäftigt ist, und seine Arbeit aus den Händen
legt, wenn dies getan ist. So kommt es, daß heute
im Grunde jeder auf sich selbst angewiesen ist,
will er so brennenden Fragen, wie den angedeu-
teten nachgehen, darauf angewiesen ist, hier und
da verstreute Notizen zusammenzusuchen —
denn wo fände er eine Darstellung der archai-
schen Raumformen, der Raumprobleme, wie sie
am Ende des 5. Jahrhunderts oder in hellenisti-
scher Zeit gestaltet worden sind? So kommt es,

daß wir eigentlich, was die Kunstgeschichts-
schreibung der antiken Baukunst betrifft, noch
ganz am Anfange stehen.

Um so mebr ist jede Schrift, die ein antikes Bau-
werk durch Beschreibung, Aufzeichnung des Be-
standes und zeichnerische Wiederherstellung
vorlegt, dankbar zu begrüßen als Baustein zu
einer Kunstgeschichte der antiken Baukunst, die
eine Forderung der Zukunft ist. Es ist eine be-
sonders anerkennenswerte Tatsache, daß eine
amtliche Institution wie das Archäologische In-
stitut des Deutschen Reiches, sich gerade solche
Denkmälerveröffentlichung angelegen sein läßt,
alter Tradition folgend: 1932 ist als erster Band
einer neuen Reihe „Denkmäler antiker Archi-
tektur" das Werk von H. Hörmann, Die inneren
Propyläen von Elensis erschienen. Als Ziel steckt
sich diese neue Reihe ausdrücklich nicht die
kunstgeschichtliche Verarbeitung und Eingliede-
rung vieler Bauten in eine Gesamtdarstellung,
nicht die Förderung von Untersuchungen grö-
ßerer oder kleinerer Einzelprobleme, sondern
die möglichst endgültige Veröffentlichung ein-
zelner Bauten, die für die Baugeschichte des
Altertumes wichtig und bedeutungsvoll sind, und
denen eine solche Veröffentlichung bisher nicht
zuteil geworden ist. Es sollen bald weitere Bände
folgen, wie die Veröffentlichung des Theseions
in Athen durch H. Koch und E. von Stockar,
der römischen Tempel in Ankara und Aezani
durch D. Krencker und M. Schede — beides
Unternehmen, an denen Archäologen und Archi-
tekten gemeinsam beteiligt sind. Es ist höchste
Zeit, daß das genaue Aufmessen und Veröffent-
lichen solcher Bauwerke energisch und syste-
matisch in die Hand genommen wird, denn so
sind die Bauten wenigstens auf dem Papier zu
retten, während die Zerstörung der Originale im
Zeitalter der Fabriken leider schneller fort-
schreitet denn je. —■ Das von Hörmann behan-
delte Bauwerk ist zwar längst ausgegraben, also
nicht völlig unbekannt, auch liegt bereits eine
italienische Bearbeitung vor — mit dem Ziele
einer Rekonstruktion dieses Torbaues — aber
Stellung nehmen zu allen Fragen einer zeichne-
rischen Wiederherstellung kann erst jetzt jeder,

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