Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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auch jeder, der den Bau nicht an Ort und Stelle
studieren kann: denn erst jetzt ist die vollstän-
dige Vorlage aller Bauteile, die gefunden wur-
den, geschehen. Erst diese genaue Vorlage, die
der vollständigen Herausgabe eines antiken
Schriftstellers vergleichbar ist, ermöglicht es
dem Leser, selbständig Stellung zu nehmen zu
den Ergebnissen der zeichnerischen Wieder-
herstellung, der Fragen von Bauperioden usw.
Und selbst wenn man auf Grund eingehender
Prüfung glaubt zu anderen Ergebnissen kommen
zu müssen (vgl. meine Besprechung in Deutsche
Lit. Zeit, 1933, Sp. 353), so ist das nicht ein Man-
gel des Werkes, sondern im Gegenteil: daß es
die Diskussion an sich strittiger Fragen anregt,
auf einwandfreier Grundlage ermöglicht, ist ein
unbestreitbarer Vorteil, ein Fortschritt. Im glei-
chen Sinne enthält die Vorlage eines ganzen hei-
ligen Bezirkes der soeben erschienene erste
Band einer Ausgrabungsveröffentlichung, mit
der endlich eine lange Schuld eingelöst werden
kann, nachdem ein so hervorragender Kenner
hellenistischer Baukunst wie P. Schazmann, der
Schweizer Architekt und Professor, mit der Ver-
öffentlichung beauftragt worden ist: Kos. Ergeb-
nisse der deutschen Ausgrabungen und For-
schungen. Das Asklepieion. Baubeschreibung
und Baugeschichte, Berlin 1932. —■ Es ist nicht
Zweck und Ziel einer solchen Veröffentlichung,
allen Problemen, zu denen die Bauwerke dieses
Bezirkes anregen, nachzugehen; dann hätten wir
auf den Band wohl noch länger warten müssen.
Es ist daher auch kein Tadel, wenn wir in die-
sem Bande, außer der selbstverständlichen Bau-
beschreibung und der chronologischen Ordnung
des Befundes, nicht mehr finden als eine allge-
meine Charakteristik des Bezirkes und seiner
Bauten; zu lösende Probleme, anregende Per-
spektiven gibt es noch genug. Der auf steilem
Gelände angelegte Bezirk gliedert sich in drei
Terrassen, die oberste ist eine einheitliche Neu-
anlage des 2. Jahrhunderts v. Chr., also perga-
menischer Zeit: ein Tempel, der genau in der
Mitte eines länglich rechteckigen Hallenbezirkes
liegt, und zwar so, daß die Tempellangseiten
den Bezirksschmalseiten parallel laufen — also
eine Anlage mit absoluter Axialität, die gemein-
hin als eine Errungenschaft römischer Baukunst
angesehen wird, hier aber (worauf G. Roden-
waldt soeben hinwies) als typisch hellenistische
Konzeption erscheint. Tatsächlich sollte es heute
nicht mehr zweifelhaft sein, daß das Prinzip

der Axialität, dem das der Symmetrie als Korre-
lat hinzuzufügen ist, etwas ist, was durch die
hellenistische Baukunst in die Welt des Abend-
landes gekommen ist und bis heute wirkt — ob
letzten Endes im Ursprung orientalisch, braucht
hier nicht erörtert zu werden. Dies wie auch
das Problem des „Richtungsbaues" mag als An-
deutung genügen, welcher Art die Aufgaben
sind, deren Lösung durch diese Veröffent-
lichung mit ermöglicht werden — die heute im
Brennpunkt des Interesses stehen.
Die Ergebnisse seiner Ausgrabungen im Askle-
pieion von Pergamon veröffentlicht Theodor
Wiegand in den Abhandl. der Preuß. Akad. der
Wissn. 1932, Nr. 5: dieses Asklepieion ist ein un-
gefähr quadratischer Bezirk; an drei Seiten Hal-
len, an der Ostseite Propylon mit Vorhof, Kult-
saal für den Kaiser Hadrian, und zwei Rund-
bauten; in der Nordwestecke ein kleines Theater
für 5—6000 Personen; 2. Jahrh. nach Chr. In
welchem Sinne diese Zeit den Begriff der Axiali-
tät versteht und verwendet, lehrt die Lage des
Propylons mit dem Vorhof: eine breite, sicher
bereits in alter Zeit vorhandene Straße schnei-
det das Bezirksquadrat schräg an — topo-
graphisch notwendig, aber baukünstlerisch und
im Sinne einer Festzugsregie unmöglich. Um die
Schräge des Straßenzuges abzufangen, den Fest-
zug trotzdem axial ins Propylon und auf den
Festplatz zu leiten, ist dem Propylon der Säu-
lenvorhof vorgelegt worden, gleichsam wie ein
Scharnier. Hof und Propylon liegen selber nicht
in der Mitte der Ostseite, also nicht axial zum
ganzen Bezirk, sondern nach Nord verschoben
— aber genau axial gegenüber den ältesten Bau-
ten des Bezirkes, denen somit eine erhöhte
Bedeutung beikommt. Von den Gebäuden der
Ostseite sind zwei so merkwürdig, daß sie in
Zukunft in der Geschichte der römischen Bau-
kunst eine erhebliche Rolle spielen werden; dar-
auf hat Wiegand selber bereits hingewiesen, an
andrer Stelle D. Krencker: es sind beides Rund-
bauten wie wir sie sonst kaum kennen, von
denen der eine Konstruktionsformen aufweist,
die erst viel später wirklich zu Ende geführt
werden — am großartigsten in der Hagia Sophia.
Das sind kunstgeschichtliche Probleme ersten
Ranges; denn so wird deutlich, daß Werke wie
der gewaltigste Bau der Spätantike wahrschein-
lich Vorläufer im eigenen Lande gehabt hat.
Die drei hier genannten Veröffentlichungen
kommen natürlich sämtlich — das ist ihr Ziel —

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