Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

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zu einer zeichnerischen Rekonstruktion der be-
handelten Bauwerke. Daher ein Wort über das
Wesen solcher Rekonstruktionen, da sie gerade
in neuerer Zeit wieder besonders akut geworden
sind. Es gibt drei Formen der Wiederherstellung
eines Bauwerkes: 1. die Wiederherstellung oder
Reparatur eines Bauwerkes selbex*, wie sie in be-
scheidenem Umfange an vielen Ausgrabungs-
stätten ausgeführt worden sind: in Olympia,
Baalbek, Pompeji usw.; am großartigsten und
wirkungsvollsten ist die Wiederaufrichtung der
Nordseite des Parthenon, die im vergangenen
Jahre fertig geworden ist, und wohl auch den
letzten Zweifler verstummen läßt, wenn er die
Wirkung dieser Arbeit an sich selber erfährt.
Die Wiederherstellung eines Bauwerkes nicht an
seinem Orte, sondern im Museum, wie es zum
ersten Male im Pergamonmuseum zu Berlin ver-
wirklicht worden ist, ist als Gedanke und Aus-
führung einzig in seiner Art und bewunderns-
wert; 2. Rekonstruktionen durch ein Modell —
an sich nichts Neues, und doch haben die Mo-
delle des Architekten Hans Schleif Neues ge-
bracht; von ihm hat das Pergamonmuseum bis
jetzt das Modell der Hochburg von Pergamon
und eines Teiles von Milet ausgestellt, das von
Priene soll folgen. Es sind in ihrer Art kleine
Meisterwerke in Pappe und Holz, und zugleich
wissenschaftliche Leistungen. Teile dieser Mo-
delle sind in guten Photographien abgebildet in
dem Herbst 1932 erschienenen schönen „Führer
durch das Pergamonmuseum" von Wilh. von

MITTEILUNGEN

ZUM HEIMGANG KARL WOERMANNS AM
4. FEBRUAR 1933. Karl Woermanns Schriften
gehören der deutschen Wissenschaft an, sein
Leben hat er selbst in den zwei Bänden seiner
„Erinnerungen eines Achtzigjährigen" geschil-
dert. Klar und fest umrissen steht sein Bild vor
uns Jüngeren und anstatt hier das Lebenswerk
des Altmeisters nachzuzeichnen, das sich in
seiner sechsbändigen „Geschichte der Kunst aller
Zeiten und Völker" vollendet hat, mag im Sinne
von Lessings Wort und Mahnung

Wer wird nicht einen Klopstock loben?

Doch wird ihn jeder lesen? — Nein.

Wir wollen weniger erhoben

Und fleißiger gelesen sein
einiges aus Woermanns weniger bekannten
Schrift „Von deutscher Kunst" wiedergegeben
werden. Sie ist, 1907 veröffentlicht, nach dem

Massow. Dieser sehr gute Führer vereinigt zum
ersten Male in größerem Umfange die 3. Art der
Wiederherstellung von Bauwerken — die zeich-
nerische, in einer Anzahl von perspektivischen
Ansichten, die F. Krischen verdankt werden.
Der Massowsche Führer ist dadurch auf das
Schönste bereichert worden. Krischen ist eigent-
lich der erste, der systematisch in dieser Weise,
weit über rein architektonischen Grundriß,
Schnitt und Aufriß hinaus, durch solche An-
sichten die antike Baukunst deutlich, lebendig
zu machen versucht hat. Die Deutschen haben
im allgemeinen zu wenig rekonstruiert, die Fran-
zosen oft zuviel, vielleicht etwas zu „lebendig",
zu „natürlich". Auch Krischen hat seinen Stil
gewandelt (vgl. die Tafeln 11 u. 12 dieses Hef-
tes); einst überwucherte in seinen Rekonstruk-
tionen das „Leben" das dargestellte Bauwerk
völlig, deswegen so unangenehm, weil es ja nur
ein Scheinleben war — jetzt, in den Bildern des
Führers, ist die notwendige Staffage meist in den
Hintergrund gedrängt, sie belebt, füllt, ohne
Eigenzweck zu sein. Krischen hat hier einen er-
freulichen Weg beschritten, der gegangen werden
muß; die Proben, die er hier von dem Rathaus
von Milet gegeben hat, erhöhen die Spannung,
mit der die Fachwelt und nicht weniger der Ge-
bildete, soweit er an der Baukunst des Altertums
interessiert ist, seine lange angekündigten — vgl.
Architectura H. 1. S. 28 —- „Griechischen Rat-
häuser" erwartet.

W. Zschietzschmann

UND BERICHTE

Vorwort selbst „nicht als Streitschrift, sondern
als Friedensschrift" gedacht. Zu ihrem Beginn
heißt es: „Bei der Beantwortung der Frage:
was ist denn national, was ist denn deutsch in
der deutschen Kunst? möchte ich jedoch nicht
mit einer Umschreibung des deutschen Natio-
nalcharakters oder einer Schilderung der deut-
schen Volksseele beginnen, sondern den umge-
kehrten Weg der Erfahrungswissenschaften
gehen. Ich möchte die Eigenschaften der besten,
vom Inland und Ausland bewunderten deut-
schen Kunstwerke der Vergangenheit kurz
untersuchen, um daraus zu schließen, welche
Eigenschaften unserer Kunst auch für die Zu-
kunft ihre Erfolge verbürgen.

Übrigens versteht es sich von selbst, daß wir von
der deutschen Kunst so wenig wie von einer an-
deren erwarten können, daß sie von ihren ersten

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