Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 66
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Keimen an dem heimischen Boden entsprossen
sei. Eine solche völlig bodenständige Kunst ist
wenigstens in Europa überhaupt nicht auf un-
sere Zeit gekommen. War doch selbst die grie-
chische in ihren Anfängen von der Kunst der
südlichen und östlichen Nachbarn Griechen-
lands abhängig gewesen ... Mannigfache Wech-
selwirkungen von Land zu Land haben sich von
jeher gerade auf künstlerischem Gebiete gel-
tend gemacht. Die mittelalterliche Kunst ganz
Europas schaltete mit dem gemeinsamen Erbe
der Antike und des Orients, schuf aber dennoch
Eigenes, Neues und Großes. Es kommt nur dar-
auf an, daß jedes Volk seine Erbschaft mit un-
abhängigem Sinne antrete, die überlieferte For-
mensprache durch eigene Anschauung erneuere,
sie aber auch mit selbständigem Inhalt und
neuem Empfinden erfülle." Und gegen Ende sei-
ner Schrift hat Woermann diese Sätze nieder-
gelegt: „Nach allem, was wir von deutscher
Kunst und ihrer Art kennengelernt haben,
glaube ich nicht, daß es nötig ist, ihr allzu enge
und einseitige Grenzen zu ziehen, glaube ich
nicht, daß es angeht, sie ängstlich vor jeder
Berührung mit dem Auslande zu bewahren,
glaube ich aber erst recht nicht, daß wir an
ihrer selbständigen Zukunft zu verzweifeln
brauchen, und ich bin allerdings überzeugt, daß
ihre Erfolge um so dauerhafter sein werden, je
selbständiger sie sich in jeder Hinsicht ent-
wickelt."

Ehre Woermanns Andenken! Adler

REINHARD BAUMEISTER. „Offenbar ist die
Gegenwart eine Zeit gewaltiger Gärung, welche
alle Gebiete des Lebens ergriffen hat, höchst
verschiedenartig aber das Bestreben, aus der
unzufriedenen Übergangszeit herauszukommen.
Die einen meinen, daß es nur weniger äußerer
Verbesserungen an längst bestehenden Verhält-
nissen bedürfe. Die andern ringen nach neuen
großen Bildungen von mehr oder weniger Ähn-
lichkeit mit dem Alten. Wieder anderen schwebt
nur die Beseitigung des Vorhandenen, aber
kein entsprechender Ersatz durch eine „Zu-
kunfts-Kultur" vor. Aus diesem Chaos auf-
lösender und erhaltender Bestrebungen muß
erst ein Zustand natürlichen Gesamtgefühls her-
ausgefördert werden. Ohne gemeinsame Kultur
kein gemeinsamer Baustil im vollen Sinne des
Wortes."

Das sind einige erstaunlich „aktuell" klingende
Sätze, die der 33jährige Professor an der poly-
technischen Schule in Karlsruhe, R. Baumeister,
im Jahre 1866 in seiner „Architektonischen
Formenlehre für Ingenieure" niedergelegt hat,
jener merkwürdigen Jugendarbeit dieses bedeu-

tenden Bauingenieurs und Städtebauers, dessen
Geburtstag sich am 19. März dieses Jahres zum
hundertsten Male jähren würde. Der jugend-
liche Hamburger Ingenieur wurde schon 1862
als Professor nach Karlsruhe berufen, wo er
sich zu einem der weitblickendsten Vertreter
der damals in deutschen Landen sich mächtig
entfaltenden Ingenieurwissenschaft entwickelte.
Vom Bauingenieurwesen gelangte Baumeister
auch zum Städtebau, dessen Probleme er, gleich-
sam in Ergänzung zu Camillo Sitte's künstleri-
schen Gedankengängen von der verkehrstech-
nischen Seite her aufrollte und damit in man-
cher Beziehung zu einem wichtigen Vorläufer
der letzten, vornehmlich technisch bestimm-
ten Phase der neuzeitlichen Städtebaukunst
wurde. Diese Bedeutung Baumeisters rechtfer-
tigt es, seiner auch in diesen Blättern zu ge-
denken und an seine wichtigsten Schriften mit
Bezug auf den Städtebau zu erinnern: seine
„Grundzüge für Stadterweiterungen" erschienen
1874, zwei Jahre später folgte sein Hauptwerk
unter dem Titel „Stadterweiterungen in techni-
scher, baupolizeilicher und wirtschaftlicher Be-
ziehung". Diese Fragen beschäftigten Baumei-
ster immer wieder von neuem. Mit Adickes zu-
sammen ist er der Schöpfer der „Abgestuften
Bauordnungen", deren baurechtliche Grund-
lagen von tiefgreifender Bedeutung auch für die
äußere Erscheinung deutscher Städte geworden
sind. Von seinen zahlreichen weiteren Ver-
öffentlichungen seien noch die „Moderne Stadt-
erweiterung" von 1887 und seine „Erweiterte
Grundsätze" von 1906 erwähnt. Nach einem
arbeitsvollen und an Ehren reichen Leben ver-
schied Reinhard Baumeister als ein Nestor des
deutschen Städtebaues am 11. Dezember 1917.

Adler

DAS SCHINKELFEST, das der Architekten-
und Ingenieur-Verein Berlin am 13. März in
traditioneller Weise beging, erhielt seine beson-
dere Note durch den bedeutsamen Fest-Vortrag
„Schöpferwille und Mechanisierung" des Ham-
burger Oberbaudirektors Prof. Dr. Fritz Schu-
macher, der im folgenden in einem von dem
Vortragenden selbst zur Verfügung gestellten
Auszuge wiedergegeben sei.

„Dichter und Literaten sehen heute vielfach das
Heil der Weiterentwicklung unserer der Tech-
nik verfallenen Zeit in einer Rückkehr zum
Primitiven. Der Schaffende kann sich mit die-
sem Standpunkt der Resignation nicht zufrieden
geben. Er sieht die Mächte der technischen
Mechanisierung, — aber er fragt sich, wo die
Grenze liegt, die ihnen gegenüber dem Schöpfer-
willen gezogen ist.

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