Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 67
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Der wirkungsmächtige Philosoph Ludwig Klages
hat dies Problem in eine zeitlose Sphäre gerückt,
wenn er seinem großen, eben vollendeten Werke
den Titel gab: Der Geist als Widersacher der Seele.
Alle „Errungenschaften" unserer Zeit, alles was
wir Technik nennen, ist „Geist". Der große
ewige Kampf der Menschheit zwischen der Welt
der Ordnung, die der Mensch aus seinem In-
neren heraus aufgebaut hat vermöge der Kraft
seines mathematisch organisierten Geistes und
jener Außenwelt des flutenden naturhaften Le-
bens, das man im Gegensatz zur Ordnung bald
„Willkür", bald „Freiheit" nennt, scheint sich
deshalb zum Entscheidungskampf zuzuspitzen.
Diese Situation führt zu der Frage, wo inner-
halb der Erscheinungen der Technik Raum für
Beseelung übrigbleibt. Es ist zu betonen, daß es
neben der „materiellen", d. h. in sichtbaren Ge-
bilden materialisierten Technik auch eine „gei-
stige" Technik gibt, die in ihren Ursprüngen
eng verwandten Charakter trägt: was sich im
ersten Fall als technisches Gebilde sichtbar dar-
stellt, bleibt im anderen Falle die unsichtbare
ordnende Kraft einer Organisation.

Um nur von der „materiellen" Technik zu spre-
chen: das Problem liegt ganz verschieden bei
den Erscheinungen der statischen Technik (Bau-
werk) und der dynamischenTechrak. (Maschine).
Man darf die berechtigten Sorgen, welche die
Maschine auslöst, nicht ohne weiteres auf das
übertragen, ■—■ was — wie beispielsweise In-
genieur-Bauwerke —- „mascliinenhaft" wirkt.
Es hat sich als irrig erwiesen, daß die aus ele-
ganter Berechnung entstandene materielle Form
höchster Zweckmäßigkeit auch vom Beschauer
ästhetisch als solche empfunden wird. Die Ge-
setze, nach denen der abstrakte Geist arbeitet,
können wir als Beschauer gar nicht empfinden,
sondern nur das, was wir aus den Erfahrungen
unserer eigenen Körperlichkeit mitzufühlen ver-
mögen. Die ganze Formenwelt der Steinarchi-
tektur entstand aus dem verstandesmäßigen
Widersinn, die starre Materie des Steins so zu
charakterisieren, als ob sie elastisch wäre. Das
gleiche, was wir bei der Muskelarchitektur des
Steins aus alter Überlieferung tun, müssen wir
bei der Gerippearchitektur des Eisens und
Eisenbetons in ganz analoger Weise tun, wenn
wir sie verlebendigen wollen. Was im einen
Falle den Schwellungserfahrungen des Muskels
entfließt, entfließt im anderen Falle den Span-
nungserfahrungen der Sehnen. Das Ergebnis
wird äußerlich ganz verschieden, innerlich aber
ganz gleich sein1).

') Zu den Begriffen Muskel- und Gerippearchitektur vgl.
Schumacher, Das bauliche Gestalten (Ästhetik der Bau-
kunst), im Handbuch der Architektur, IV. Teil, 1. Halbbd.

Erst aus einer solchen Verbindung von Geist und
Gefühl entsteht beim Schaffen in starren Mate-
rialien Leben, oder wenn man es anders aus-
drücken will: Beseeltheit. — Der Gegensatz zum
Geist ist hier nicht die Seele, sondern das Ge-
fühl (die Sinne). Erst aus der Paarung von
Geist und Gefühl entsteht beim technischen
Schaffen das, was wir Seele nennen. Wir sehen:
die geistgeborene Technik ist nur dort Wider-
sacherin der Seele, wo sie die Mitwirkung des
Gefühls ausschließt. Sobald das nicht der Fall
ist, kann der Schöpferwille siegen über die Ge-
fahren der Mechanisierung.

Weit verwickelter liegen die Dinge bei der
dynamischen Technik. Aber auch hier muß man
den Herd der auftretenden Gefahren zu lokali-
sieren suchen. Wir stoßen zunächst auf ein
Mittelreich, wo statische und dynamische Tech-
nik sich mischen. Man kann es mit dem Begriff
„Instrument" charakterisieren: eine statische
Konstruktion, die erst ihren Sinn erhält durch
die Verbindung mit der Aktivität einer dynami-
schen Kraft. Liegt diese dynamische Kraft in
einem lebendigen Wesen (wie z. B. beim Tele-
skop und Mikroskop), so liegen gerade in dieser
Verbindung die Möglichkeiten der Beseelung.
Liegt sie im mechanisch wirkenden Gebilde
einer Maschine (wie z. B. beim Ozeandampfer,
Zeppelin, Flugzeug usw.), so liegt bei diesem
Zwischengebilde die ausschlaggebende Kraft in
der Beseeltheit seines statischen Teiles. Es über-
tönt für unser Gefühl die entseelende Macht der
Maschine.

So liegt schließlich der Kern der Gefahren-Frage
in dem Ersatz organischer durch mechanische
Kraft, den die Maschine vollzieht. Aber auch
hier ist bei der Beurteilung des Punktes, wo die
Gefahr sitzt, wohl zu unterscheiden, ob die Ma-
schine Naturkraft, tierische Kraft oder mensch-
liche Kraft ersetzt. Erst im letzteren Fall spitzt
sich das Problem zu dem letzten Verhängnis.
Auch hier handelt es sich noch um eine Unter-
scheidung: die Entseelung kann sich beziehen
auf das Arbeitsprodukt oder auf den Arbeits-
vorgang. Das ist oft das gleiche, aber zum Glück
nicht immer. Unser Ziel muß sein, beim Ringen
mit den Einflüssen der Maschine wenigstens zu
erreichen, daß entweder beim Arbeitsprodukt
oder beim Arbeitsvorgang die Möglichkeit einer
Beseelung offen bleibt.

Zwar ist das bisweilen möglich, doch dürfen
diese Möglichkeiten nicht überschätzt werden.
Im allgemeinen befinden wir uns wirklich in
der Lage des Goethe'schen „Zauberlehrlings",
der entsetzt sieht, wie der mechanische Helfer,
den er gerufen, seine Existenz bedroht, ohne
daß er das Zauberwort kennt, ihn in seine

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