Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 68
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Schianken zu weisen. Bei Goethe aber gibt es
einen „Meister", der dies Zauberwort kennt; wo
können wir ihn suchen?

Nicht in der Sphäre der materiellen Technik,
sondern nur in den Kräften der geistigen Tech-
nik: den Kräften geistiger Organisation. Zum
weitaus größten Teil haben die erschreckenden
Erscheinungen unserer technisierten Zeit, die
man der gestaltenden Technik zuzuschreiben
pflegt, ihren eigentlichen Grund darin, daß die
organisierende Technik nicht mit ihr Schritt
gehalten hat, oder aber sie mißbraucht. Das
läßt sich an zahlreichen Beispielen beweisen.
Ja, selbst bei dem schwersten Problem unserer
Zeit, der Arbeitslosigkeit, darf man sagen, daß
sie nicht dem „Laster" der übermäßigen Lei-
stungsfähigkeit der Maschine aufs Konto ge-
schrieben werden kann, sondern dem Mangel
an kaufmännischer Organisation bei deren Ge-
brauch.

Wo Probleme der gestaltenden Technik und
Probleme der organisierenden Technik inein-
andergreifen, verwandeln sie sich in wirtschaft-
liche und soziologische Probleme.

Diese Feststellung ist leider nur um der Er-
kenntnis willen, nicht um des Trostes willen,
da. Denn zur Zeit sehen wir nur auf dem Ge-
biet der Lebenserscheinungen der statischen
Technik, also den Dingen, die einen äußeren
technischen Niederschlag zeigen, den geistigen
Kampf um Ordnung praktisch aufgenommen.
Es handelt sich um die Bestrebungen, die von
der Bauordnung zum Städtebau, vom Städtebau
zur Landesplanung geführt haben. Auf dem Ge-
biet der dynamischen Technik kann eine ana-
loge Ordnung nicht vom Kleinen ins Große, son-
dern nur vom ganz Umfassenden ins Einzelne
gehen: von der Weltwirtschaft zur nationalen
Wirtschaft, zur IndividualWirtschaft. Es ist eine
Menschheitsfrage. Und hier versagt zur Zeit die
Organisation der Weltwirtschaft vollständig.
So ist die große Aufgabe, die jederzeit neu ge-
stellt wird, den richtigen Weg zu finden, zwi-
schen Zwang und Freiheit, heute noch ungelöst.
Das aber verpflichtet dazu, sich weder mit Re-
signation noch mit lähmender Kritik zu begnü-
gen, sondern immer wieder das Lebendige zu
suchen im ewig Neuen. Dem Schinkelworte ge-
treu: „Überall ist man nur da wahrhaft leben-
dig, wo man Neues schafft."

DIE AUSSTELLUNG NORWEGISCHER BAU-
KUNST in der Technischen Hochschule Berlin
— vgl. die Voranzeige in Architectura, Heft 1 —
hat trotz ihres verhältnismäßig geringen Um-
fanges einen ausgezeichneten Überblick über die
in Deutschland nur wenig bekannte Baukunst

Norwegens vermittelt. In der Baukunst dieses
seit 1905 von Schweden getrennten nordischen
Reiches sind seit jeher zahlreiche Einflüsse
wirksam, die aber von der kraftvollen Bevölke-
rung nahezu restlos mit eigenem Kunstwollen
und eigener Gestaltungslust durchdrungen wur-
den. Als eigentlich bodenständig kann nur die
mit der Scholle des Bauern verwachsene länd-
liche Holzbaukunst gelten, von der aus in klarer
Linie auch die alten Stabkirchen des Landes sich
ableiten lassen. Holzhäuser und Holzkirchen sah
man auf der Ausstellung in einer Reihe marki-
ger Beispiele, bei denen es sich um neuzeitliche
Instandsetzungen handelte.

Neben diese ländliche, mit Volk und SchoEe
verwachsene und je nach der Landschaft wech-
selnde uralte Holzbaukunst tritt frühzeitig die
Holzarchitektur der Städte, die mehr oder min-
der deutlich Einflüsse allgemein-europäischer
Bauformen spüren läßt. Das ist der Fall bereits
an Bauten etwa der Barockperiode, an denen
eine häufig überaus geschickte Umdeutung ba-
rocker Formen in die Holzarchitektur zu beob-
achten ist; nicht minder fällt diese Beein-
flussung, die nicht zuletzt aus Deutschland her-
rührt, auch an Holzbauten der Gegenwart auf,
so bei einigen Ein- und Mehrfamilienhäusern,
an denen das Verlassen der uralten Überliefe-
rung im Sinne der Neuen Sachlichkeit festzu-
stellen war. Im übrigen bleibt der Einfluß die-
ser zur Zeit letzten Phase europäischer Bau-
kunst, soweit es diese Ausstellung erkennen ließ,
auf einige Städte, insbesonders auf Geschäfts-
häuser in Oslo, beschränkt. Vielleicht darf an
dieser Stelle erwähnt werden, daß man mit Be-
dauern Arbeiten der Bergen'schen Architekten-
gruppe vermißte; sehr dankenswert ist dagegen
die Vermittlung der Bekanntschaft mit den,
namentlich auch im städtebaulichen Sinne,
außerordentlich interessanten Entwürfen der
Architekten Arneberg und Poulsson für das im
Bau begriffene Rathaus in Oslo, in denen offen-
bar auch schwedische Einflüsse, vor allem von
Oestbergs Stockholmer Stadthaus her, zu neuer
Einheit verschmolzen sind. Die gestaltende
Kraft, die wie in Stockholm so jetzt auch in
Oslo in einer im besten Sinne traditionellen
Formensprache Neues zu sagen sich anschickt,
ist aller Beachtung wert. Ähnliches, wenn nicht
das gleiche, läßt sich von Norwegens Städtebau
insgesamt sagen, dessen Lehrer an der Tech-
nischen Hochschule des Landes in Trondheim,
Professor Sverre Pedersen, die Ausstellung im
Anschluß an die Begrüßung Professor Krenckers
von der Technischen Hochschule zu Berlin mit
einem aufschlußreichen Vortrage eröffnete. Die-
ser Vortrag war um so willkommener, als das

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